Kultur : Liebe macht sehend

Yakov Kreizberg enthüllt in Amsterdam die Schönheiten von Tschaikowskys selten gespielter Oper „Iolanta“

Frederik Hanssen

Ein Opernabend, der höchst überraschend beginnt und dann viel zu schnell zu Ende ist: Ivo van Hove nimmt bei seiner Inszenierung von Pjotr Tschaikowskys „Iolanta“ am Opernhaus von Amsterdam zu Beginn die Idee des Gesamtkunstwerks ganz ernst. Wenn in der ersten Szene von dem prächtigen provenzalischen Blumengarten die Rede ist, in dem die Tochter des Königs René mit ihren Freundinnen lustwandelt, lässt der Regisseur über die Klimaanlage einen intensiven Lavendelduft ins weite Rund des Muziektheater am Waterlooplein strömen. Für ein paar Minuten also sehen und hören die Besucher Tschaikowskys letzte Oper von 1892 nicht nur, sondern riechen sie auch.

Auf ihre Nase muss sich ebenfalls Iolanta, die schöne Prinzessin, verlassen. Denn sie ist blind. Auf Befehl ihres Vaters wurde sie jedoch niemals über ihre Behinderung aufgeklärt. Dennoch wünscht sich Roi René natürlich Heilung für sein Kind. Der arabische Arzt Ibn-Hakia mahnt zwar, dass Krankheiten nur dann wirksam bekämpft werden können, wenn sich der wissende Patient bewusst am Therapieprozess beteiligt, doch der König will Iolanta partout nicht mit der bitteren Wahrheit konfrontieren. So bleibt es dem Ritter Vaudémont überlassen, das Mädchen zum Selbst-Bewusstsein zu führen: Er erklärt der schönen Unbekannten, was ihr fehlt – und leitet sie dann mit der Macht der Liebe durch Nacht zum Licht.

Dass Tschaikowsky die rührselige Geschichte aus dem Frankreich des 15. Jahrhunderts ans Herz ging, ist verständlich. Suchte doch auch er eine helfende Hand, einen Partner, der es ihm ermöglicht hätte, sich zumindest in Gedanken zu seiner Homosexualität zu bekennen. Seine Zeitgenossen aber trieben den leidenden Tondichter sehenden Auges in den Selbstmord, 1893, ein Jahr nach der „Iolanta“-Uraufführung. Und die Nachwelt vergaß bald jenen finalen Einakter, in dem man ein Dokument nachlassender Schaffenskraft zu erblicken glaubte.

Wie blind sich die Kritiker „Iolanta“ gegenüber verhalten haben, enthüllt nun Yakov Kreizberg in Amsterdam. Der ehemalige Chefdirigent der Komischen Oper Berlin beweist mit dem Nederlands Philharmonisch Orkest, das er seit September 2003 leitet, dass dieses Spät- auch ein Meisterwerk ist. Man ist versucht, „Iolanta“ nach dieser bewegenden Amsterdamer Aufführung mit den vermächtnishaften Schlusssteinen im Schaffen anderer Operngroßmeister zu vergleichen, mit Verdis „Falstaff“ oder Puccinis „Turandot“. Auch die letzten Werke dieser beiden italienischen Maestri sind Vollendung und Aufbruch zugleich: Ihren Personalstil haben die Komponisten perfektioniert – und sind dennoch nicht selbstzufrieden, streben weiter vorwärts, mit offenen Ohren.

Die Macht der Gefühle

Glutvolle Arien und Tänze wie in seinem „Eugen Onegin“ oder in „Pique Dame“ wird man in „Iolanta“ kaum finden; es handelt sich eher um ein Konversationsstück, arm an theaterwirksamer Handlung, doch überreich an tiefen, echten Gefühlen und musikalischen Details. Wie in seinen großen Sinfonien ist Tschaikowsky hier in Rhapsode. Im frei assoziativen Fluss erzählt er eindringlich, stets bereit, sich von der eigenen Emotion zu allerlei Ausschmückungen, gar zum Abschweifen verleiten zu lassen.

Vom Dirigenten verlangt diese mosaikhafte Partitur höchste Selbstkontrolle. Darum ist Yakov Kreizberg auch der ideale Interpret der „Iolanta“. Bei dem russischen Dirigenten, der sich sein Handwerk in den USA und im deutschen Stadttheaterbetrieb erarbeitete, entsteht Musik stets aus Präzision. Es ist eine pure Freude, ihm dabei zuzusehen: Sprechend und elegant sind seine Bewegungen, dabei allein an die Musiker gerichtet, ohne Showaspekt für den Saal.

Die Pracht der Musik

Yakov Kreizbergs virtuoses Kapellmeistertum geht allerdings keineswegs mit interpretatorischer Kälte einher, im Gegenteil. Mit seiner dirigiertechnischen Strenge weiß er bei den Musikern einen Grad von Wachheit und Konzentration zu erzeugen, der wiederum Grundlage ist für eine klangliche Lebendigkeit im Orchestergraben, die den Hörer spontan fesselt.

Das exzellente Nederlands Philharmonisch Orkest zeigt unter Kreizbergs Leitung das emotionale Ausdrucksspektrum der Tschaikowskyschen Musik im besten Licht: Klar und hell ist hier der Klang, jedes einzelne Instrument ist in seiner charakterlichen Eigenschaft zu vernehmen, feinste Nuancen im Klangbild treten ganz plastisch hervor. Wunderschön schon die erste Szene zwischen Iolanta, ihrer Amme und den jungen Frauen des Hofstaats: Charmant zeichnen Dirigent und Orchester die Schüchternheit der Mädchen nach, wenn immer wieder zärtliche Melodien aufblühen, sich aber doch nicht recht zur offenen Emphase zu entfalten getrauen. So faszinierend vielfältig erklingt der Orchesterkommentar, dass die Solisten des fast ausnahmslos russischen Casts an diesem Abend geradezu in den Hintergrund geraten: Dabei leisten die auch optisch ansprechende Iolanta der Elena Prokina, ihr tenoraler, höhensicherer Liebhaber Ludovit Ludha, Sergej Aleksasjkin als berührend besorgter Königsvater, Andzej Dobber als Ehrfurcht gebietender Arzt oder Vassily Gerello als schönstimmiger Robert durchweg Beachtliches.

Auch das niederländische Inszenierungsteam trägt der beglückenden Dominanz des Orchestralen ehrfurchtsvoll Rechnung. Nach dem duftigen Beginn deutet Regisseur Ivo van Hove die Handlung in parabelhafter Schlichtheit mehr an als aus, gestattet den Personen nur ein Minimum an Bewegung, führt sie wie Traumwandelnde durch die Bühnenbildskulptur von Jan Versweyveld. Schwarz sind die Kostüme von Dirk van Saene, in matten Grautönen changiert die weitgehend kahle Szene. Kaum wahrnehmbar zeichnen sich abstrakte Blütenformen auf den Gazevorhängen ab, ein rechtwinkliges Leitsystem aus Neonröhren weist den Akteuren ihren Weg. Nachtfarben, so wie Iolanta die Welt sieht, bleiben die Lichtstimmungen bis zur Erlösung. In gleißendem Weiß schließt das Stück dann nach viel zu kurzen 90 Minuten. Die bunte Pracht der provenzalischen Natur verweigert Versweyveld dem Publikum – und verweist damit zurück auf die Musik. Wer Ohren hat, der sehe: Tschaikowskys Klangfarbenpracht.

Infos im Internet: www. hetmuziektheater.nl

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