Kultur : Liebe macht Spaß

SIMONE MAHRENHOLZ

"Diese Geschlechterfragen werden immer komplizierter", stöhnt der siebzehnjährige Paul. Paul ist der Bruder von Maggie. Maggie liebt die junge Malerin Kim und verbirgt das vor ihrer Mutter. Maggies Mutter liebt Schokolade, schneuzt in Klopapierfitzel und befreundet sich mit Judy. Judy heißt eigentlich Jeremy und liebt Frances. Frances hat einen lesbischen Buchladen und liebt Gertrude Stein. Und Gertrude Stein sagte: "Ich glaube, wenn du sagst, was du siehst, dann kann niemand Nein sagen."

Ach. Aha. Winkt hier die Lösung der Lebensprobleme? Aber wie lernt man zu sagen, was man sieht? Was sieht man eigentlich? Wie gelingt es zu sagen, was man denkt und zu denken, was man fühlt? Doch das fragte George Tabori. Die Lösung muß irgendwo zwischen ihm und Gertrude Stein liegen: bei George Steiner. Der fordert einen "wechselseitigen Austausch zwischen uns und dem, was das Herz weiß". Genau davon handelt dieser Film. Davon, daß dieser Austausch, den wir ununterbrochen verbissen verlernen (nicht ohne rege Anteilnahme der Erziehungspersonen), ebenso täglich neu erkämpft werden muß.

Die Kanadierin Anne Wheeler gibt sich in "Better than Chocolate" große Mühe, unanständig zu sein und ihr Publikum möglichst ununterbrochen zu entkrampfen. Im Zentrum dieses Films über sexuelle Vielfalt steht ein Pärchen zweier Neunzehnjähriger, der Malerin Kim (Christina Cox) und der Nachtclubsängerin Maggie (Karyn Dwyer): ein Paar, dem man nur ungern das Prädikat "lesbisch" verleiht. Wie sagt Darstellerin Christina Cox? Das Leben sei ernst genug, und "falls man die Liebe trifft, ist es egal, welche Größe, Aussehen, Hautfarbe, Rasse oder sexuelle Orientierung sie hat". Insofern ist der Film vor allem eine leichte, mit Parodie und Spaß inszenierte Komödie, die sich einem ernsten Thema widmet: den Vorurteilen und Anwürfen von Gewalt, die Lesben, Transsexuelle und andere Abweichler in der Gesellschaft nach wie vor provozieren. Nicht nur in der kanadischen. Gewaltsame Skinheads und prügelnde heterosexuelle Damen sind hier ebenso an der Tagesordnung wie ein Zensor, der das Sortiment eines lesbischen Buchladens beschlagnahmt - kaum denkbar, aber durchaus politische Realität. Den Buchladen besitzt Frances, gespielt von Ann-Marie MacDonald, Theater- und Buchautorin, deren kanadischer Bestseller "Fall on your knees" in Deutschland unter dem Titel "Vernimm mein Flehen" erhältlich ist.

Der Film setzt vor allem auf die Ästhetik Junger. Viel Musik, Clubs und Tanz, zuweilen schnelle Schnitte, unterhaltsames Slow-Motion und jede Menge optischer Appetizer. Der Gesamteindruck ist fröhlich, stellenweise allzu unverbindlich. So gewinnen die beiden Hauptfiguren kaum Persönlichkeit, sie sehen nur ununterbrochen süß aus - die Seitenfiguren andererseits lassen sich durchaus menschlich genießen. Es gibt einige Erotikszenen zwischen den jungen Frauen, die sowohl gewagt als auch ästhetisch gelungen sind - verglichen mit dem, was im europäischen und amerikanischen Kunstkino sonst möglich ist. Die Bilder, auf denen die beiden Frauen gegenseitig ihre Körper anmalen und dann mittels Bettlaken Gemälde herstellen, sind zusammen mit der gut gewählten Musik ein kleines Kunstwerk an Schönheit, Erotik, Ernst, Spiritualität und Freude. Zu zeigen, daß Liebe und Sexualität bei aller emotionellen Gefährlichkeit Spaß machen - dies ist Anne Wheelers Hauptanliegen in dieser Komödie, und sie widmet sich dabei durchaus auch den Sorgen von Fünfzigjährigen (glänzend: Wendy Crewson als Maggies Mutter) oder Transsexuellen (überragend: Peter Outerbridge als Judy). Die Szene etwa, in der Maggies Mutter das von der Tochter versteckte Sexspielzeug entdeckt und sich mit Plastik und summendem Batteriewerk einen schönen Abend macht, ist ein Glanzstück an Komik und Geschmack.

Der Film richtet sich an ein Publikum, dem der Lifestyle der Protagonisten eher fremd ist. Dies zeigt sich an Identifikationsfiguren wie der spießigen Hausfrauenmutter und an Cafébesitzern, die einander küssende Frauen schon mal des Hauses verweisen. Insgesamt ist es ein auch optisch unterhaltsamer Feelgood-Film mit pädagogischen Anklängen und ohne besonderen Tiefgang - wobei das erzieherische Element hier einem guten Zweck dient. Es gilt nicht nur die Vorurteile der anderen abzubauen, sondern die unbewußten eigenen, die unwillkürlich in jedem Blick auf die Umwelt mitschwingen. Vielleicht passiert es dann ja übrigens unversehens, daß man "sagt, was man sieht" und niemand nein sagen kann.

Astor, Cinemaxx Colosseum, Kant, Neues Off, Nord, Olympia (OmU), Scala und Xenon

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