Kultur : Liebe, nichts anderes

JAN SCHULZ-OJALA

Favorit im Berlinale-Wettbewerb: "Der englische Patient" VON JAN SCHULZ-OJALA

Der Anfang ist manchmal das Ende, in der Liebe zum Beispiel, wer wüßte das nicht.Und trotzdem fängt der Mensch immer wieder an, weil er das Ende nicht weiß.Am Anfang zum Beispiel zeichnet eine Hand schwarze Linien auf eine Art Haut, sie sind Schrift oder Körper, und ein Flugzeug fliegt, winziger Schatten nur, über eine Wüste, die schön ist wie der Körper der Erde.Und in diesem kleinen Doppeldecker lehnt - vor dem Sitz des Piloten - eine blonde Frau, eine Genießerin fraglos, sie hält die Augen geschlossen, das Haar weht im Wind.Was für ein Traum! Ein Mann und eine Frau ganz allein im Himmel über der Wüste.Was für ein Anfang! Er wird am Ende wiederkommen, nach fast zweieinhalb wie schwerelos hingegebenen Kinostunden, und er wird nur eine Winzigkeit anders sein.Weil wir ihn eine Winzigkeit anders sehen.Aufwachen geht nicht, aufwachen können wir später. Dieser Film ist auf eine Weise sinnlich, daß es einem von der ersten Sekunde an den Atem raubt.Sinnlich nicht etwa so, wie dieses Wort gerne verwendet wird - die erste Szene zu Beispiel, die man im Kino gern als Liebesszene bezeichnet, gibt es erst nach ungefähr 90 Minuten: eine Ohrfeige, ein Riß an den Kleidern, und das Paar fällt regelrecht aus dem Bild.Dann ist nachher, und sie reden zum Beispiel über das Nähen.Sie reden über das, was sie lieben und hassen, sie haßt die Lüge, er den Besitz, und natürlich wird sie bald lügen, und er wird bald wie besessen besitzen wollen.Nein, dieser Film ist sinnlich wie das Gespräch von zweien, die, nach dem ersten Liebesmahl, die Nacht haben und irgendwann den Schlaf.Kann schon sein, daß dieser Schlaf der Tod ist, aber was macht das schon für einen Unterschied, der kleine Tod oder der große, wenn man mitten im Leben ist und ganz am Anfang schon mitten in der Liebe. Ach, diese schönen, großen Wörter! Und die dazu passenden Gefühle! Da darf man schon bis an den Rand des Kitsches gehen und auch mal ein bißchen darüber hinaus, im Filmen wie im Schreiben, oder nicht? "Ohne einen Tropfen Kitsch ist die Kunst nicht zu haben", lautet eines der freundlicheren Kultur-Gesetze; in diesem Film sind es mindestens fünf, nein fünfzig Tropfen, aber wen stört das, wenn die Welt der Gefühle ein Meer ist? Übrig bleibt Kunst.Übrig bleibt der Befund, daß ein Mann, der bisher überwiegend als Autor für Theater und Fernsehen arbeitete und erst zwei Spielfilme ("Truly, Madly, Deeply" und "Mr.Wonderful") drehte, ein Opus verantwortet, das man schon heute auf eine Stufe mit Klassikern, freilich verschiedener Wertigkeit, stellt: "Dr.Schiwago", Billy Wilders "Fünf Gräber bis Kairo", ja, sogar "Casablanca" nennt mancher Kritiker, der sein Zuschauerglück in Worte fassen will.Für zwölf Oscars ist Anthony Minghellas "Englischer Patient" nominiert - und selbst Cineasten, die Hollywood im allgemeinen und Amerika im besonderen verschmähen, werden ihm mindestens sechs davon zugestehen müssen. Dieser Film ist altmodisch, weil er mitten ins Herz zielt - und trifft.Und er ist altmodisch, weil er mit seiner Vorlage, dem dritten Roman des in Sri Lanka geborenen Kanadiers Michael Ondaatje, selbstbewußt umgeht.Er benutzt das Buch, statt sich - wie unlängst Bille August oder auch Nicholas Hytner - vom Buch benutzen zu lassen.Der Roman "The English Patient" hat einen anderen Anfang, ein anderes Ende, andere Binnengewichte und -motive zwischen den Personen; überhaupt ist er in seinen sprunghaften Szenen- und Zeitenwechseln zwar extrem filmnah geschrieben, aber eben deshalb eher schwer zu verfilmen.Man liest eben anders, als man sieht.Und, siehe da, wegen dieses beherzten Zugriffs findet der Regisseur im Romanautor keinen Claqueur, sondern ein kluges Pendant, das die Aufgabenteilung der Medien Literatur und Film - als Voraussetzung des Gelingens - geradezu fordert: "Es ist, als ob Menschen, die mir vertraut waren, wenn ich voller Träume mitten in der Nacht ein Buch schrieb, auf einmal in einem unbekannten Land in vollem Tageslicht vor mir stehen", schreibt Ondaatje über den Film."Und das Erstaunliche ist die Tatsache, daß ich sie so klar wiedererkenne und aufs neue von ihnen gefesselt bin." Zwei Lieben, genauer, zweieinhalb sind es, die diesem Film - vor der Folie des Zweiten Weltkriegs in Nordafrika und Italien - einen steten Antrieb geben.Die riesengroße, sichtbar leidenschaftlichste verbindet Katharine (Kristin Scott Thomas) und Graf Almasy (Ralph Fiennes).In Afrika spielt die alte Geschichte von der Frau zwischen zwei Männern (Colin Firth spielt den bedauernswerten Ehe-Hahnrei bewundernswert), und man fühlt unmittelbar, was Almasy meint, als er, mit wunderbar rauchiger Stimme, sagt: "The heart is an organ of fire." Die halbe Liebe ist die zwischen der Krankenschwester Hana (Juliette Binoche) und dem indischen Bombenentschärfer Kip (Naveen Andrews), gegen Kriegsende in Italien: einmal fürchten wir um sein Leben, aber wir brauchen nichts zu fürchten, denn hieß es nicht, daß alle sterben, die Hana liebt? Und die zweite, sehr große, nicht auf den ersten Blick sichtbare Liebe? Es ist die zwischen Hana und dem englischen Patienten. In einem kaputtgeschossenen Kloster bei Florenz liegt dieser Klumpen Fleisch, der noch sprechen kann und der sterben wird, unweigerlich.Hana, die schon ziemlich viel verloren hat, pflegt den Fremden, der unter dem Morphium, das sie ihm spritzt, das vergangene Glück mit einer Frau halluziniert.Unter dieser Erinnerung scheint sogar dieses Nichtmehr-Gesicht noch einmal zu heilen, bevor es vergeht.Juliette Binoche wird - wunderbar langsam, wunderbar unaufhaltsam - entzündet von der Kraft dieser Vergegenwärtigung.Sie ist da.Sie hört zu.Und irgendwann liest sie diesem Fremden das Tagebuch dieser anderen vor, das er gerettet hat.Text, weiter nichts.Ende.Und Anfang.Schon lange nicht mehr im Kino hat man den großen Tod so zärtlich gesehen.
16.02., 20 Uhr (Zoo Palast), 17.02.12 Uhr (Royal), 18.30 Uhr (Urania), 22.30 Uhr (International).Ab 27.Februar im Kino.

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