Kultur : Liebe ohne Leiden

BERND KRAUSE

Waren es tatsächlich nur die Fans von Benito Marcelino, die bei den Ludwigsburger Festspielen während der Pause nach dem ersten Teil von "Carnet de bal" gegangen sind, wohl wissend, daß ihr Liebling in "Nocturnes, aubes, aubades" nicht mehr auftreten würde? Oder fühlte sich ein Großteil des Publikums von Mark McClains Choreographie so gelangweilt, daß es sich keine großen Hoffnungen für den Fortgang des Abends machte? Jedenfalls waren gegen Ende der Uraufführung von Claudio Ambrosinis "Le cahier perdu de Casanova" (Casanovas verlorenes Tagebuch) mehr Plätze des ausverkauften Ludwigsburger Schloßtheaters frei als besetzt.

Der venezianische Komponist Claudio Ambrosini hatte sich vorgenommen, mit diesem "szenischen Konzert" das Bild seines berühmten Landsmannes Giacomo Girolamo Casanova gründlich von Vorurteilen zu reinigen.Sein Casanova ist ein Mann der Wissenschaft und der Künste, vor allem aber ein glühender Verehrer der Frauen.Eine Rehabilitierung, die im ersten Teil des Werkes mit Hilfe des Tanzes, im zweiten per Gesang geschehen soll.Doch McClains Choreographie - immerhin mit dem einstigen Stuttgarter Startänzer Benito Marcelino in der Titelrolle - konnte ihr großes Versprechen nicht einlösen.

Die zehn tänzerischen Soli, Duos und Trios wirkten wie mit der heißen Nadel genäht.Neoklassische, höfische Schritte und Ports de bras, freundliche und glückliche Gesichter, ein wenig Eifersüchtelei, hier und da ein Zitat aus anderen Balletten - eine ziemlich flaue Angelegenheit, die schon nach wenigen Minuten kaum noch das Publikumsinteresse wachhalten konnte.Kommt hinzu, daß es McClain nicht gelungen ist, seinem Casanova jenes maliziöse Lächeln auszutreiben, das weniger von Verehrung als vielmehr von Herablassung kündet.

Auch aus der "dramaturgischen Kraft" der angekündigten Kostümpracht ist nichts geworden.Die bemalten Ganzkörpertrikots von Rainer Mordmüller muteten einfallslos an und dokumentierten mit ihren wechselnden Applikationen eigentlich nur des Künstlers Versagen.Da machte die karge Bühnendekoration von Hans Späth schon mehr Eindruck, wenngleich auch sie den Intentionen Ambrosinis absolut widersprach.Seine an die hölzernen Rahmen der historischen Bühne genagelten Spiegelreste signalisierten vielmehr deutlich, daß der intakte Spiegel einst Casanovas Lieblingsbild gewesen sein muß.

Die vom Komponisten geschaffenen Tänze für Klavier zu vier Händen, Harfe und Schlagzeug pendelten unter seiner Leitung klopfend, glucksend, wimmernd und hämmernd zwischen verschiedenen, oft markanten Rhythmen hin und her - die Saiten mit Fingern, Schöpfkelle und Schraubenzieher traktiert - und wehrten sich vergeblich gegen die Bühnenlangeweile.

Nach der Pause wurde es wenigstens zeitweilig anregender.Ambrosini hatte Marc Couroux mit einem Flügel, der den nun abwesenden Casanova symbolisierte, auf der Bühne postiert und ließ Sonia Visentin (Koloratursopran), Catherine Dune (Sopran) und Linda Hurst (Mezzo) sich nach dem Verflossenen verzehren.A cappella, mit Klavierbegleitung, allein, zu zweit, zu dritt Verse verschiedener Urheber aus der Zeit vor Casanova tonal und atonal singend, oft nur Vokalisen schmetternd, erfreuten die Damen mit ihren schönen und äußerst virtuos eingesetzten Stimmen, während sich der Pianist, durchaus auch mit einem Handschuh und dem ganzen Unterarm spielend, ebenfalls von Stil zu Stil, von Melodie zu Geräusch, von Rachmaninow zu Ambrosini arbeitete.Das rief attraktive Gefühle hervor, dramatische Wendungen und manchmal sogar sinnlichen Genuß.Aber ein neues Casanova-Bild konnte auch dieser zweite Teil nicht zeichnen und es farbig dekorieren erst recht nicht.Doch die Ludwigsburger Schloßfestspiele können sich immerhin einer "Welturaufführung" mehr rühmen.

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