Kultur : Liebe, Stasi, späte Reue

Politik als Familiendrama: Heike Otto hat ein starkes Buch über Schuld und Sühne in der DDR geschrieben

Hannes Schwenger

Ein Familiendrama nennt Heike Otto im Untertitel ihre dokumentarische Rekonstruktion einer Fluchtgeschichte aus der DDR und deren Folgen für die beteiligten Familien. Daran gibt es nichts zu deuteln, wenn man in ihrem Buch die näheren Umstände kennenlernt, die drei Frauen und einen Mann ins Gefängnis gebracht und die Lebenswege ihrer Eltern und Kinder bis heute begleitet haben. Um ein Eck herum – als Schwester der Lebensgefährtin des Mannes – ist die Autorin selber Familienmitglied, als Chronistin am Geschehen zwar unbeteiligt, aber natürlich nicht unbefangen. Vielleicht liegt es daran, dass sie in ihrem Vorwort vorausschickt, keine der handelnden Personen solle „beschuldigt oder verurteilt werden, denn eines ist klar: Jeder in dieser Familie ist Opfer eines Systems geworden, das mit diktatorischen Methoden seine Macht aufrechterhielt und dafür Menschen demütigte und benutzte.“ Also ein Opferdrama ohne Täter und persönliche Schuld? Nicht ich war’s, das System ist’s gewesen?

Das haben wir in Deutschland zu oft gehört, um uns damit zufriedenzugeben. Das Familiendrama, das wir in diesem Buch miterleben, taugt nicht zur Bühnenoper „Die Macht des Schicksals“, sondern handelt eher von verdrängter Schuld und versäumter Sühne. Es erzählt von drei jungen Männern in Thüringen, zwei Brüdern und ihrem Freund, die mit heimlicher Hilfe ihrer Frauen und Freundinnen 1984 über die Grenze in den Westen fliehen, um dann ihre Familienzusammenführung in der Bundesrepublik zu beantragen. Aber Kerstin – eine der drei Frauen und Mutter eines kleinen Jungen – hat einen neuen Freund und will, wie sie einer der anderen Frauen nach der Wende 1990 gesteht, ihren Mann Jürgen „einfach loswerden“. Während sie ihm noch telefonisch versichert, sie wolle ihm mit dem Kind in den Westen folgen, warnen ihn seine Verwandten, sie habe eine neue Beziehung und wolle gar nicht ausreisen. Tief verunsichert in seiner Bindung an Frau und Kind kehrt er auf demselben Weg über die grüne Grenze zurück, um nach einer Aussprache mit beiden gemeinsam die Ständige Vertretung der Bundesrepublik aufzusuchen und um Freikauf zu bitten.

Doch seine Frau hat inzwischen bei der Staatssicherheit die Mitwirkung der drei Frauen an den Fluchtplänen der Männer gestanden und ist als Kronzeugin auf Bewährung entlassen worden, während die beiden von ihr belasteten Frauen Gefängnisstrafen verbüßen. Sie muss sich regelmäßig bei ihrem „Bewährungshelfer“ – in Wahrheit ein Stasi-Mann – melden. Als ihr Mann nach seiner nächtlichen Rückkunft und ergebnislosen Aussprache einschläft und morgens aufwacht, ist sie mit dem Kind verschwunden. Stunden später wird er verhaftet. Er verbüßt eine längere Haftstrafe und wird im Gefängnis von der Stasi genötigt, einen Ausreiseantrag zurückzuziehen; sonst würden weder sein Sohn noch seine Eltern, die ebenfalls Ausreise beantragt hatten, jemals die DDR verlassen dürfen. Seine Frau lässt sich scheiden, sie und ihr – bald ebenfalls geschiedener – zweiter Mann verweigern ihm und seinen Eltern Kontakt mit dem Sohn und Enkel. Dabei bewohnt Kerstin mit ihrer neuen Familie sogar das Haus, das ihr erster Mann für sie gebaut hat. Der Sohn wird erst nach der Wende wieder Kontakt zu seinem Vater finden. Aber alle Beteiligten – außer den beiden anderen Flüchtlingen und ihren freigekauften Frauen – sind in der DDR geblieben, auch Jürgens Eltern, die von der Stasi ebenfalls zur Rücknahme ihres Ausreiseantrags erpresst wurden, damit ihre zweite Schwiegertochter zu ihrem Mann im Westen ausreisen durfte.

Kerstin wird später erklären, sie sei zu ihren Aussagen über die Fluchtvorbereitungen selbst erpresst worden; man habe ihr – fälschlich – gesagt, ihr Sohn sei im Heim und werde ihr weggenommen, wenn sie nicht aussage. Aber sie habe ihren Mann bei seiner Rückkehr nicht verraten und habe auch „keine Ahnung, wie es wirklich war und warum man ihn geschnappt hat...Aber ich schwöre beim Leben meiner Enkel: Ich habe ihn nicht verraten!“ Auch von den Haftstrafen, die die beiden anderen Frauen wegen ihrer Aussage verbüßen mussten, will sie nichts gewusst haben: „Ehrlich? Das ist mir völlig neu... Das gibt mir schon sehr zu denken. O Gott, o Gott! Na ja, wir haben es alle überlebt.“

Erst als die Autorin nach Abschluss der Gespräche, deren Abdruck Kerstin sogar genehmigt, die Stasi-Akten über den Fall einsieht, stellt sich heraus, dass Kerstin ihrem „Bewährungshelfer“ tatsächlich die Rückkehr ihres Mannes gemeldet hat und dass sie in der Untersuchungshaft als IM „Rose“ geworben wurde, um ihre Mithäftlinge auszuhorchen. Das und noch mehr geht aus den 25 Dokumenten hervor, die Heike Otto als Anhang beifügt und die sie mit einem letzten Kommentar Kerstins abdruckt: Die Akten seien „ein Schlag ins Gesicht. Ich bin völlig fertig, am Boden zerstört.“ Ja, sie habe über ihre Mithäftlinge berichtet, aber sich ihnen noch in der Haft offenbart. Als IM habe sie sich aus Angst um ihren Sohn verpflichtet. An ihrer Entscheidung, ihren Mann zu verlassen, habe sie „viele Jahre später gezweifelt“, aber „meine Entscheidung, im Osten zu bleiben, nie bereut.“ Da endlich fällt das Wort Reue. Am falschen Platz, im falschen Moment.

Am kommenden Donnerstag, 28. Juli, stellt Heike Otto ihr Buch in der Jahn-Behörde vor (19 Uhr, Zimmerstr. 90/91).





– Heike Otto:

Beim Leben meiner Enkel. Wie eine DDR- Flucht zum Familiendrama wurde.

Hoffmann & Campe, Hamburg 2011.

220 Seiten, 20 Euro.

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