Kultur : Liebe und Trotz

Pianist Murray Perahia glänzt in der Philharmonie

Christine Lemke-Matwey

Schön sind sie ja nicht, die Installationen für die Musik der Zukunft in der Philharmonie: Hier glotzt ein Kamera-Auge in den Saal, dort stört ein Stativ, da wurde rüde etwas an die Marmorbrüstung von Block E geschraubt. Die „Digital Concert Hall“ der Philharmoniker, die Möglichkeit, Konzerte live im Internet zu verfolgen, hat ihren Preis. Doch was soll’s, das echte Musik(er)leben ist durch nichts zu ersetzen, und die Frage, ob der grandiose, überlebensgroß bescheiden wirkende Murray Perahia sein Publikum mit Beethovens viertem Klavierkonzert auch in heimischer PC-Klausur derart zu erschüttern vermag wie Freitagabend vor Ort, sie dürfte sich ernsthaft erst stellen, wenn das Abendland mit Beethoven fertig ist.

Wovon handelt das G-Dur-Konzert? Vom Schicksal, wie immer bei Beethoven, vom Spiel mit der Konvention und vom Flirt mit den Göttern der Finsternis, vom Singenwollen in einer entsanglichten Welt, von der prometheischen Kraft des Virtuosen und vom Abdriften ins Eigenbrötlerische. Atemberaubend, wie Perahia den solistischen Beginn mit Ewigkeit auflädt, jene paar schütteren Takte, die vorgeben, kein Wohin zu kennen und kein Wozu, und doch alles wissen. Erdig sein Anschlag, griffig-unpoliert und doch von tiefem persönlichem Leuchten erfüllt, orchestral die Fülle, das Spektrum seiner Farben. Überhaupt meint man, hier einer klingenden Autobiografie des Amerikaners beizuwohnen: Wenn er den Ausgang der Kadenz im Allegro moderato als ein tragisches Sichdreinschicken inszeniert, wenn Solist und Orchester im Andante con moto in beinerner Unversöhnlichkeit verharren. Perahia, gesundheitlich fragil, hat nie zu den Titanen der Branche gehört. Jetzt, als bald 62-Jähriger, besitzt er eine Souveränität, ja Demut, die weiter reicht als bis zum nächsten Triller. Ovationen – und als Zugabe Schuberts Es-Dur-Impromptu: Liebe, Trotz, Schönheit, das ganze Leben an einer seidenen Perlenschnur.

Davor und danach: Elliott Carters skizzenhafte „Three Illusions“ und die berüchtigte Symphonia domestica von Richard Strauss. Dass Zubin Mehta – so schlank wie lange nicht und dennoch Fels in jeder Brandung – bis vor kurzem Bayerischer Generalmusikdirektor war, hört man; dass den Philharmonikern zum genuinen Strauss-Orchester alles Halbseidene, Strizzihafte fehlt, auch. Trotzdem beeindruckend. Christine Lemke-Matwey

Noch einmal am heutigen Sonntag, 16 Uhr. Am 28. 1. gibt Perahia einen Soloabend in der Philharmonie mit Werken von Bach, Mozart, Beethoven, Brahms.

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