Kultur : Liebe zum Müll

Satellit 2: Der Berliner Kunstsalon öffnet Räume

Daniel Völzke

Am Eingang schlägt Superman kopfüber mit voller Wucht auf dem Boden auf. Die kolossale Skulptur „Auch Helden haben schlechte Tage“ des Berliner Künstlers Marcus Wittmers, die den Sommer über vor der Galerie Andreas Wendt in Mitte stand, bewacht nun als desolater Cherubim die Pforten des 3. Berliner Kunstsalons in der Treptower Arena. Mut zum heldenhaften Scheitern bringt die mit 4500 Quadratmetern Ausstellungsfläche größte der drei Parallelmessen allemal mit: Hier präsentieren sich neben kommerziellen Galerien viele Projektbüros, Off-Spaces, Kunstvereine und Künstlergemeinschaften. Ungewöhnliche Freiräume und niedrige Standmieten haben 54 Aussteller an die Spree gelockt.

Etwa die offene Ausstellungsstruktur: Statt rechteckiger Buchten bauen die Veranstalter Edmund Piper und sein Team seit 2004 eine Art Kunstdorf im ArenaMagazin auf. Breite Gänge, Kojen unterschiedlicher Größe und Wände mit bis zu 25 Metern Länge gestatten einen so übersichtlichen wie überraschenden Rundgang. Manche Galerien stülpen gewissermaßen ihre Kojen um und zeigen ihre Arbeiten auf den Außenwänden. Die Koje des Zürcher White Space erreicht man nur gebückt durch eine kleine Tür, das Berliner Kollektiv Innenraum versteckt sich in einem toten Winkel und steht zusätzlich vor dem Eingang mit einem „Fluchtauto“ bereit. Selbst das Café wird genutzt: Hier zeigt das russische Künstlerteam FNO eine Videoinstallation.

Verschwenderisch und betont antikrämerhaft bestücken die meisten Galerien ihre Wände, machen Platz für 400 Künstler. Viele großformatige Arbeiten sind zu sehen. Einige Galerien reservieren ihren ganzen Raum für Soloauftritte. So hat etwa der Bildhauer Thorsten Brinkmann die Koje der Kunstagenten komplett in eine Art Sperrmüll-Wohnzimmer verwandelt. Überhaupt fallen bei diesem 3. Kunstsalon eine gewisse Liebe zum Müll und ein Hang zu Chaos und Destruktion auf: Seien es die invertiert-kaputten Welten der Berliner Artists Anonymous, die keramische Müllkippe des Bildhauers Frank Sanderinks oder die Mosaike des Künstlerpaars Friederike und Uwe, die Hooligan-Gewaltszenen in knalligen Farben zusammensetzen. Irgendwo auf dem Gang leuchtet ein Wegweiser von Frederick Poppe mit dem Hinweis „Gomorra 10 km“.

Das wahre Chaos fand hingegen vor der Eröffnung statt: Aus baurechtlichen Gründen wollte Arena-Chef und Co-Veranstalter Falk Walter die Messe sechs Wochen vor Eröffnung absagen. Nach Schnellprozessen und neuen Raumkonzepten steht der Party nun nichts mehr im Wege. Im nächsten Jahr wird der Kunstsalon woanders stattfinden, erklärt Piper. Scheitern? Noch längst nicht.

Eichenstr. 4, bis 2. 10., tägl. 13–22 Uhr, Infos unter www.berlinerkunstsalon.de

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