Kultur : Liebe zum Schmutz

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Von Christian Broecking

Der polnische Trompeter Tomasz Stanko ist seit langem ein Markenzeichen der europäischen Szene, obwohl er aus dessen Randgebiet stammt. In seiner Heimat ist er fast ein Nationalheiligtum. Als Stanko kürzlich in Warschau seine neue, beim renommierten Münchner ECM-Label erschienene CD vorstellte war das Medieninteresse enorm und glich den Pressekonferenzen eines Boxweltmeisters.

Seit acht Jahren spielt Stanko, der am 11. Juli sechzig wird, mit einem exzellenten Warschauer Trio zusammen, dessen Mitglieder kaum so alt sind, wie seine Karriere. Seit einem Vierteljahrhundert nämlich ist Stanko bereits bei ECM unter Vertrag, noch weiter zurück reicht sein Ruf, ein verschroben-growlender Trompeter zu sein, der wie Louis Armstrong bei dem Versuch klingt, eine Melodie zu erfinden, ohne mit dem Singen aufzuhören. Jetzt hat er erstmals ausschließlich mit polnischen Musikern aufgenommen. „Es ist eine junge Band, die sehr frisch spielt - so wie es eben nur junge Musiker können. Sie spielen sehr einfach, so wie ich es gern tue. Sie können auch richtig laut und schmutzig spielen, so wie ich es liebe."

Aus Polen kommen seit langem nur noch wenige Musiker von internationalem Format. So bietet Stankos neue CD, „Soul of Things“, dem angeknacksten Selbstbewusstsein der einst für ihre Unbeugsamkeit und kreative Radikalität hofierten Szene endlich Gelegenheit, patriotischen Stolz zu entwickeln. Besonders die Zeitschrift „jazz forum“, die in „besseren“ Tagen in englischer, deutscher und polnischer Sprache erschien, wittert Morgenluft. Ob die Amerikaner den polnischen Jazz boykottieren würden, wurde Stanko gefragt. Der versteht, dass die polnische Jazzszene heute zutiefst irritiert ist. „Es herrscht ein hohes Maß an Frustration. Es gibt keine staatlichen Zuschüsse mehr, und private Zuwendungen sind auch nicht in Sicht.“ Der Exotenbonus ist passé, die Zeiten des Schwarzmarkts sind Geschichte. Heute verdient Stanko nur noch ein Fünftel von dem, was er vor fünfzehn Jahren von einem Westauftritt mit nach Hause brachte. Stanko ist ein Überlebender einer einst blühenden Tradition.

„In Polen hat der Jazz eine wichtige Rolle gespielt“, sagt Stanko, „stets galt diese Musik als Vorreiter gesellschaftlicher Entwicklungen. Doch die Musiker standen meist sehr gut da, sie waren nie wirklich in Gefahr. Ihre Kunst war – im Gegensatz zur Literatur – einfach zu abstrakt, um vom Regime als Bedrohung gefürchtet zu werden. “

Seinen einzigartigen, murmelnden, flatternden Sound weiß er nicht zu erklären. Die Tiefe komme mit dem Alter, sagt er. Er habe die Ausrichtung seines Klangs von Miles Davis, vibratolos und schmutzig, und jüngere Trompeter wie Nils Petter Molvaer hätten ihren Sound von ihm. Vor allem fühlt sich Stanko als Improvisator und preist die widersprüchliche Verbindung von Abstraktion und Gefühl. Es klingt, als spiele er den einen einzigen Song immer wieder anders, weil er die ganze Freiheit will.

„Soul of Things“ mit Tomasz Stanko am 20.6. im Tränenpalast, 20 Uhr 30.

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