Kultur : Liebe zur Kunst

Zum Tod unserers Kritikers Heinz Ohff

Bernhard Schulz

Zur Kunst und den Künstlern pflegte er ein Verhältnis, wie es im heutigen Kunstbetrieb nur noch die Ausnahme bildet. Heinz Ohff war ihr Freund – und hielt doch zugleich auf sachliche Art Distanz. Freund im Geiste, aber niemals Komplize in Sachen Kunstkritik. Sein Urteil hatte Gewicht, eben weil seine Schreibe unbestechlich war. Vormittags pflegte er Museen und Galerien zu durchstreifen – um sich dann an die Schreibmaschine zu setzen und seine stets anschaulichen, aus stupender Kenntnis und präzisem Gedächtnis gespeisten Kritiken zu verfassen. Stets blieb er hart an der Gegenwart. Die Sechzigerjahre mit Happening und Fluxus waren seine Zeit. Doch er blieb nie stehen, damals nicht und später nicht. Dass er die „Jungen Wilden“ der Spätsiebzigerjahre, die ganze mit einem Mal brodelnde Berliner Szene mit an die Öffentlichkeit gefördert hatte, erfüllte ihn mit einem Stolz, den er auf die ihm eigene Art niemals zeigte. Seinen Rat Museen und Institutionen angedeihen zu lassen, verstand sich für ihn von selbst – auch deshalb, weil er die Grenze zur journalistischen Unabhängigkeit nicht einen Augenblick lang übertrat.

1922 im holsteinischen Eutin geboren, geriet Ohff mit seinen Altersgenossen blutjung in den Krieg – und in britische Kriegsgefangenschaft. Die Zeit im Lager auf der britischen Insel prägte ihn. Sie war seine Lehrzeit in Sachen Meinungsfreiheit wie Meinungsverantwortung. Im südenglischen Cornwall erwarb er ein Sommerhaus. Die Künstlerkolonie von St. Ives lag ihm so nahe wie die von Kreuzberg, wo er in „Riehmers Hofgarten“ wohnte – mittenmang, wie der gelernte Berliner sagen konnte, ohne sich je anzubiedern. Über den „Bremerhavener Kurier“ kam er 1961 als Kunstkritiker zum Tagesspiegel, wo er bald darauf die Leitung des Feuilletons übernahm, die er bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden 1987 innehatte.

Aus seinem Amt hat er nie Aufhebens gemacht, wie ihm alles Gehabe zutiefst zuwider war. Er hat es mit jener unnachahmlichen Autorität ausgeübt, die sich aus dem Vorbild der eigenen Arbeit speiste. Auch seine Liebe zu Preußen und preußischen Persönlichkeiten wie Schinkel, Fontane oder Königin Luise, aber ebenso dem Exzentriker Fürst Pückler, denen er viel beachtete Bücher widmete, war weniger Bekenntnis als seine sachlich-knappe Art der Liebesbezeugung. Menschen waren ihm wichtig, die Biografie die ihm gemäße große Form.

Das wurde im Unruhestand seine Hauptbeschäftigung. Den Verlust des alten West-Berlin, dessen Qualitäten er selbst so sehr verkörperte, hat er ohne Larmoyanz quittiert, ebenso wie den Rückzug aus dem aktuellen Tagesgeschäft. Am vergangenen Freitag – wie erst jetzt bekannt wurde – ist Heinz Ohff 83-jährig gestorben.

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