Kultur : Liebe zur Linie

Der Fotograf Stefan Maria Rother lebt mit Kunst auf Papier

Katrin Wittneven

JUNGE SAMMLUNGEN IN BERLIN (1)

In Berlin gibt es zu wenig Sammler. Das hört und liest man seit Jahren immer wieder. Und weil man es irgendwann nicht mehr hören möchte, haben wir uns auf die Suche begeben. Nicht nur nach den großen, bereits bekannten Sammlernamen, nach abgeschlossenen, international bedeutenden Kollektionen, die es selbstverständlich auch in Berlin gibt, sondern nach Menschen, die leidenschaftlich gern mit Kunst leben und sich deshalb eine Sammlung aufbauen.

Die dunkle Silhouette eines Mannes ist zu erkennen. Er wendet sich offenbar gerade in diesem Moment um, doch sein Gesicht bleibt im Schatten. Es ist eine kleine Papierarbeit des belgischen Malers Luc Tuymans, die beim Betreten des Wohnraums von Stefan Maria Rother den Blick des Besuchers bannt. Wie oft bei Tuymans bleibt auch hier vieles im Verborgenen, stattdessen entsteht eine unheimliche Spannung. 1982 ist das Bild entstanden, seit vier Jahren hängt es in der Wohnung des Berliner Fotografen. Inzwischen hat Tuymans sein Land auf der Biennale in Venedig vertreten, ist in großen Retrospektiven gefeiert worden. Es sei natürlich ein Reiz des Sammelns, erzählt Stefan Maria Rother, früh dabei zu sein und jemanden für sich zu entdecken, noch bevor er zu internationalem Ruhm gelangt ist und die Preise kaum noch zu bezahlen sind. Beim Tuymans waren es seinerzeit 3500 Dollar, heute kann man den Wert durchaus verdoppeln. Aber allein als Anlageobjekt mag Rother seine Kunst nicht betrachten. „Sammeln ist Kommunizieren“, sagt er. Nicht nur mit dem Werk, sondern auch mit den Künstlern. So steht Rother mit vielen in Kontakt, besucht regelmäßig Ausstellungen und hortet ebenso Kataloge wie Einladungskarten, die ihm auffallen.

Aufgewachsen in Essen als Sohn eines Bildhauers und einer Grundschullehrerin, waren dem heute 37-Jährigen Kunstwerke in der häuslichen Umgebung schon als Kind selbstverständlich. Früh entschließt er sich, Fotograf zu werden, wird schon mit Mitte zwanzig Vater. Andere Themen rücken in den Vordergrund und erst seine Reportagen für den Spiegel, den Stern oder Geo bringen ihn wieder zur Kunst: Wenn er etwa Künstler fotografierte und diese hinterher gerne die Porträts haben wollten, einigten sich beide auf ein Tauschgeschäft. Ein anderes Mal porträtierte er Pipilotti Rist, die in der Schweizer Botschaft in Berlin ihre „Blätterwurfmaschine“ installiert hatte. Ein paar der Blätter ließ er sich signieren – jetzt kleben sie als fröhliche Kollage hinter Glas.

Erst 1997 hat er dann zunächst zaghaft angefangen, Kunst zu kaufen, erwarb einen Druck von Sigmar Polke und eine Zeichnung von Carsten Nicolai. Inzwischen hängen die Wände seiner Wohnung in Berlin-Steglitz in schönster Petersburger Hängung voller junger Kunst. Vor allem Berliner Künstler sind vertreten oder besser: Künstler, die von Berliner Galerien vertreten werden, wie Franz Ackermann, Manfred Pernice, Elisabeth Peyton oder Neo Rauch. Doch Rother lässt sich nicht so einfach einem bestimmten Trend oder einer Szene zuordnen. Er verfolgt Künstlerkarrieren und kauft, wenn er eine bestimmte Hingabe beim Künstler an sein Werk spürt. Manchmal erst, nachdem er die Arbeit schon eine ganze Zeit beobachtet hat, wie bei der in London lebenden Hamburgerin Kerstin Kartscher, von der er im letzten Jahr eine großformatige Zeichnung gekauft hat. Und wenn er von seiner Enttäuschung erzählt, als es zunächst zu spät schien und eine Gruppe von Zeichnungen, die ihn überzeugte, schon verkauft war, und von seiner Freude, als er dann doch noch bei einer anderen Galerie gerade diese eine Zeichnung bekam, da ist etwas von dem Jagdfieber spürbar, das zum Sammeln gehört.

Rothers Leidenschaft gilt ebenso unbekannteren Namen wie dem der Berliner Künstlerin Karen Koltermann wie internationalen Größen wie Peter Doig, der mit über zehn Arbeiten einen Schwerpunkt in der Sammlung bildet. Die feinen irisierenden Bergszenen oder mit schnellem Strich eingefangenen Figuren hängen in der Wohnung zentral und bilden so etwas wie einen ästhetischen Ausgangspunkt, der gedanklich viele Richtungen nehmen kann. Hin zu einer Edition von Sarah Morris, einer zarte Lithographie von Ellen Gallagher, einem Linolschnitt von Alex Katz. Die Entscheidung für Papierarbeiten war zunächst natürlich eine finanzielle, aber sie war nicht nur das. Von Radierungen oder anderen Drucken bis zur Handzeichnung sind die Papierarbeiten für viele Künstler auch ein Versuchsfeld. „Für mich haben viele dieser Werke etwas Unmittelbares“, sagt Rother. „Alle guten Zeichnungen sind ebenso jungfräulich wie abgeschlossen.“

Auch wenn er immer wieder Arbeiten für Ausstellungen ausleiht, ist es ihm wichtig, dass die Bilder bei ihm hängen. Und das ist bei der empfindlichen Materie gar nicht so einfach, schließlich verblassen gerade bei Pastellen oder Drucken schnell die Farben, lichtundurchlässige Vorhänge werden hier zur Selbstverständlichkeit.

Gekauft hat Rother auf Messen wie dem Berliner Art Forum oder der Art Basel, aber nicht nur. Manches konnte er auch von anderen Sammlern erwerben. Auf das Blatt von Ellen Gallagher stieß er im Internet. Wie alle Sammler habe auch er eine Wunschliste im Kopf. Viel Geld gab es dafür nie, aber wenn welches da ist, wird es in Kunst investiert. Aber das Schöne am Sammeln, sagt er, ist es, auch widerstehen zu können.

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