Kultur : Liebe zur Liste

Was ist Pop-Literatur? Ein Kongress in Berlin

Daniel Völzke

„Das ist die Poesie eines Güterzuges!“, ruft Rolf Dieter Brinkmann. Seine Stimme überschlägt sich fast – nicht allein, weil er das Zuggetöse überbrüllen muss, sondern auch vor Begeisterung. Seine Hörspiel-Aufnahmen von 1973 führen allenthalben vor, wie frühe Pop-Literaten sich dem Alltäglichen zuwandten, wie sie Vorgefundenes in Literatur verwandelten, sammelnd, stammelnd, collagierend, arrangierend, überschreibend, überschreiend. Peter O. Chotjewitz, dessen Roman „Die Insel“ von 1968 einigen als erster deutscher Pop-Roman gilt, wollte „diese Gegenstände, so wie sie sind, dem Leser überreichen“.

Mit diesem Zitat im Titel veranstaltete die Freie Universität Berlin am Wochenende in der Villa Oppenheim eine Tagung: Literaturwissenschaftler, Ethnologen und Publizisten erforschen die „Stoff- und Materialpräsentationen in der Pop-Literatur der 60er Jahre“. Mit welchen Techniken und Motiven zitierte diese Avantgarde Fremdtexte, Einkaufszettel, Medienschnipsel und Kontoauszüge? Schon William Burroughs stellte fest, dass Dichter die Welt nicht mehr erfänden, sondern vorfänden. Neben der amerikanischen Beatliteratur der 50er werden auch andere Traditionslinien auf der Tagung benannt: Die typografischen Experimente und das Cut-Up- Verfahren erinnern an den Umgang mit Schrift- und Sprachkombinatorik im Barock, die Sinn-Entleerung der Wörter an Dadaismus. Und das Ausstellen von readymades wurde durch Pop-Art angeregt.

Der Literaturwissenschaftler Moritz Baßler, der 2002 in einem viel beachteten Buch die neuen Pop-Schreiber als „Archivisten“ kennzeichnete, überrascht mit einem gelungenen Vergleich zwischen Pop und Magischem Realismus: Beiden Strömungen sei die Vorliebe für Überwucherungen, eine gewisse Ruinenromantik und eine „Steigerung am real präsentierten Material“ gemein.

Als bindendes Element zwischen Pop- Literaturen gleich welcher Epoche macht Diedrich Diederichsen die Liebe zur Liste aus. Doch während Hubert Fichte oder Brinkmann in ihren Listen vor allem lokale Begebenheiten verhandeln, beinhalten die Tabellen neuerer Pop-Literatur Namen und Phänomene, die für globale communities verständlich sind. Deren Kataloge seien Distinktionsversuche, um sich aus einem nuancenreichen, aber geschichtslosen Leben eine Geschichte zu konstruieren. Den Vorgängern hingegen wäre es eher um das Zeigen von Welt überhaupt gegangen.

Den „Bereich des Möglichen“ wolle er mit seinen Büchern ergründen, erzählt der zur Lesung geladene Peter Chotjewitz. Aber auch Neid treibt ihn zu neuen literarischen Verfahrensweisen: Nur wenig ältere Schriftsteller wie Grass und Walser besetzten bereits alle Positionen. „Der Sog des Vorhandenen“ sei so groß gewesen, dass die Kritik gar nicht merkte, dass man mit Pop etwas Neues machte. Letztlich konnten sich frühe Pop-Literaten nicht gegen die Großform des Romans und lineares Erzählen durchsetzen, bilanziert Chotjewitz mit gut gelauntem Fatalismus. Befragt zu Nachfolgern wie Rainald Goetz oder Stuckrad-Barre antwortet er: „Ach, so ein bisschen schreiben können die alle.“ Beinahe möchten einem die neuen Archivisten leidtun, weil auch ihr Aufbegehren wieder nur im Sog des Vorhandenen hinwegstrudeln kann.

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