Kultur : Lieben lernen

„Element of Crime“-Gitarrist Jakob Ilja hasst Dur-Akkorde. Jetzt kommt mit „Narren“ sein erster Soundtrack ins Kino

Kai Müller

Von Kai Müller

Wenn er auch nicht weiß, wie sich ein Hörsturz anfühlt, wie er klingt, weiß Jakob Ilja genau: wie eine gegen den Verstärker gelehnte E-Gitarre, die in einer endlosen Feedback-Schleife winselt. Nicht sehr laut, sondern wie etwas, das man nur hört, wenn man es hören will. Und so tut die Tonwolke einem wie Roman Bützer sogar gut. Denn sie umschließt ihn wie ein Kokon, macht ihn zur Ich-Insel inmitten einer aus den Fugen geratenen Kölner Karnevalswelt, in die ein böser Wink des Schicksals ihn geschleudert hat. Mediziner nennen das Tinnitus. Aber was wissen schon Mediziner!

Roman Bützer ist die Hauptfigur in einem Film, der „Narren“ heißt und auch von solchen handelt. Dass er selbst, der von den Zumutungen des Alltags gebeutelte Jungarchitekt, erst recht einer ist, kapiert er spät. Zu spät, da ist seine Geliebte schon weg, seine Oma gestorben und der Karneval zu Ende. Und man begreift, dass das Narrendasein so komisch nicht ist. Der Dauerton hat sich in seiner Seele festgebissen. Womit wir wieder bei Jakob Ilja wären und seinem Versuch, eine Filmmusik aus dem Geist des Hörsturzes zu entwickeln.

„Spiel nur zwei Töne“, heiße es bei Element of Crime, „aber spiel sie richtig.“ Jakob Ilja, Gitarrist dieser vielleicht melancholischsten deutschen Rockband, ist auf seine Weise ein Minimalist. Er sei nie besonders flink gewesen, sagt er, keiner von den Gitarristen, die über das Griffbrett jagen. Und er mag „simple Melodien“. Also hat er, der seit fünf Jahren kaum noch etwas anderes als Filmmusiken hört, bei seiner ersten Auftragsarbeit fürs Kino auf viele Noten verzichtet. So schlängelt sich ein monochromer Klangstrom durch die chaotische und besinnungslose Bilderwelt, der manchmal von sanft-traurigen Liedern unterbrochen wird. Zum Beispiel von einem Chanson wie „Peur Aux Fleurs“, dessen Melodie aus nicht mehr als acht Noten besteht – wunderbar gesungen von Kiki Sauer (17 Hippies). Oder von dem Karnevalsschlager „Nur die Liebe“. Den hat Ilja ebenfalls selbst geschrieben. Ausgerechnet er, der gebürtige Berliner, schreibt einen Schunkelsong für jene „fünfte Jahreszeit“, in der der Rheinländer erst alle Sünden noch mal kostet, bevor sie ihm vergeben werden.

Auch „Nur die Liebe“ ist ein trauriges Lied geworden, obwohl man das so sicher gar nicht sagen kann. Ilja scheinen nur Songs einzufallen, die zumindest nicht fröhlich sind. „Dur-Akkorde gefallen mir nicht“, gibt er zu. Wenn er doch einmal einen verwende, dann so, dass er wie ein Moll-Akkord klinge und undefinierbar bleibe. Er ist kein Theoretiker. Er kann nicht mal Noten lesen. Er sitzt da mit seiner Gitarre auf dem Schoß und spielt Akkorde, wenn er eine Idee sucht. Er tue das ständig, sagt der Vater von drei Kindern. Das Leben geht um ihn herum einfach weiter, während er nach etwas Ausschau hält, das ihn selbst überrascht. Melodien entstehen nicht auf dem Papier. Sie ergeben sich auch nicht logisch aus einer Akkordfolge. Wenn er vor sich hin summt, dann singt, dann dieselbe Melodie noch einmal singt, dann ist er vielleicht auf der richtigen Spur.

„Man wird als Filmmusiker zum Chamäleon“, sagt Ilja. „Man imitiert Stile, die man gar nicht richtig kann. Aber mir gefällt diese Brechung von Genres, ich glaube an die Kraft des Unzulänglichen.“ Als Autodidakt, der seine Bandkollegen früher damit nervte, ein gelungenes Solo nicht wiederholen zu können, hat er gelernt, sich an Bruchstücke zu halten. Er arbeitet mit Fragmenten einer Erfahrung, die selber zu machen er nicht beabsichtigt. Deshalb hat er sich den Kölner Karneval auch gar nicht erst angetan, sondern lediglich eine Doppel-CD mit dem dort üblichen Liedgut gehört. „Nur die Liebe“ ist eine gelungene Parodie darauf. Als er den Song in einer ersten Rohfassung selber sang, hörte sich das Resultat allerdings so trostlos an, dass es im Film doch jemand anders macht. Ilja ist eben Gitarrist.

Bei Element of Crime legte er sich einen Künstlernamen zu. Dass er Jakob Dreiw Ilja Friderichs heißt, kann sich ohnehin niemand merken. Die Vornamen sind eine Reverenz an den Großvater. Der war ein vor der russischen Revolution nach Berlin geflüchteter Weißgardist, der sich als Filmstatist und Taxifahrer durchschlug. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von der Roten Armee verschleppt, nur seine Namen sind übrig geblieben. Sein Vater, der einmal Regieassistent bei Brecht war, hat sie ihm 1959 vermacht.

Der russische Einfluss mag den schwermütigen Zug in seinem Gesicht bewirkt haben, sowie eine gewisse Leidenschaft fürs Bluesige, Vaudevillehafte, für den schwingenden Rhythmus eines Walzertakts, für „Lieder, die sich im Kreis drehen, die keinen Anfang und kein Ende haben“. Melancholie, meint er, sei einst ein „adliges Gefühl“ gewesen: „Gesteigerte Wahrnehmung sagte nichts aus über die Lebensfähigkeit eines Menschen. Erst die Psychologie hat in der Melancholie eine Form der Traurigkeit gesehen.“

Es fällt schwer, sich den hageren Mann als heitere Erscheinung vorzustellen. Dabei gibt es ein Bild von ihm im Kreis der 17 Hippies, auf dem er Mandoline spielend außer sich vor Freude ist. Das Anarchische dieser durch den Film „Halbe Treppe“ von Andreas Dresen berühmt gewordenen Polka-Kultur („Rock’n’Roll der Folklore“, sagt Ilja), hat er schon früh gesucht. In Südfrankreich. Mit 17 ging er dorthin, auf’s Land, als Westberlin zu eng für ihn wurde. Endlose, psychodelische Sessions schlossen sich an. Während er in der Schule auf das „Orffsche Instrumentarium“ einzuschlagen gelernt hatte, traktierte er jetzt mit seinen Kommunegenossen elektronische Gerätschaften. Der Effekt war derselbe: Stundenlange, monotone Akkordwechsel ließen ihn herausfinden, ob er schon alles gesagt hatte. 1983 kehrte er als veritabler Rhythmusgitarrist in seine Heimatstadt zurück, traf in einer Band namens Neue Liebe auf Sven Regener und gründete mit ihm 1985 Element of Crime.

Er sagt selbst: „Normalerweise machen Gitarristen einer Rockband im dritten Jahr ihr Soloalbum, aber das hat mich nie interessiert. Ich weiß auch nicht warum.“ Vielleicht, weil dem heimlichen Talk-Talk-Fan mit seiner wachsenden Leidenschaft für die filmischen Elemente der Popmusik das CD-Medium zu eng war. Wie viel mehr kann da eine Musik ausrichten, die sich auf die visuelle Dramaturgie des Kinos oder des Theaters einlässt. So saß er neulich im Berliner Ensemble, Leander Haußmann probte Shakespeares „Sturm“, und aus Boxen am Bühnenrand hallten die ersten vier Nummern, die er für die Inszenierung geschrieben hatte. „Ich habe mich gefühlt wie ein Kind.“

„Narren“, ein Film von Tom Schreiber, Musik: Jakob Ilja: ab Donnerstag in den Hackeschen Höfen und Neue Kant Kinos. Der Soundtrack erscheint bei Normal Records.

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