Kultur : Liebende und anderes Getier

NICOLA KUHN

"Will man die Bedeutung B.B.s verstehen, ist es unwichtig, das wahre Gesicht der jungen Frau namens Brigitte Bardot zu kennen.Ihre Bewunderer haben es mit einem imaginären Geschöpf zu tun, das sie auf der Leinwand sehen - durch eine Wolke großen Tamtams".Das schrieb vor knapp vierzig Jahren eine nicht weniger berühmte Französin, Simone de Beauvoir, die vermutlich zum Erstaunen vor allem ihrer Leserinnenschaft eine Lanze für den Filmstar brach.De Beauvoirs Streitschrift für die Leinwand-Lolita der Fünfziger taucht nun zusammen mit Ballerinaschuh, Sonnenbrille und anderen Devotionalien des B.B.-Kultes in einer durchaus ernst gemeinten Vitrine auf.Zusammen mit verfremdenden Zeichnungen der Schauspielerin, koketten Kreuzungen ihres Konterfeis mit Bertolt Brecht, mit dem die Bardot die Initialien teilt, und einer kopfüber baumelnden bronzenen Robbe mit Blondhaarperücke als Anspielung auf ihr Engagement als Tierschützerin ergibt sich eine verwirrende Mischung.Aber Rosemarie Trockel, die diese Bardot-Hommage schuf, ist spezialisiert auf solches Doppelspiel von erstem Eindruck und tieferer Bedeutung, verborgener Sinnhaftigkeit oder einfach Nonsens.

"Interpretieren ist nichtig", zitiert deshalb die Ausstellungskuratorin Gudrun Inboden den französischen Philosophen Jean-François Lyotard in ihrem Katalogbeitrag.Scharf hingeschaut wird dennoch, denn als Kommissarin des deutschen Pavillons in Venedig hat Gudrun Inboden für 1999 die Kölner Künstlerin erkoren.Zum ersten Mal seit zehn Jahren wird ausschließlich ein Künstler die Ausstellungsräume in den Giardini gestalten.Die von Hamburg nach London, Stuttgart und schließlich Marseille tourende Retrospektive hat somit etwas von einem Schaulaufen: Mal gucken, was da kommen könnte.

Für viele Besucher gibt die ein gesamtes Geschoß im Ungers-Bau der Hamburger Kunsthalle einnehmende Ausstellung erstmals Gelegenheit, mit Rosemarie Trockels Werke näher vertraut zu werden.Ihre eigentliche Bekanntheit erwarb sich die in Insiderkreisen längst als wichtigste deutsche Künstlerin geltenden Trockel im vergangenen Jahr auf der documenta X, wo sie in der Karlsaue gemeinsam mit Carsten Höller die wohl populärste Arbeit der eher spröden Kunstschau präsentierte: ein "Haus für Schweine und Menschen", wo die Besucher durch eine Glasscheibe das glückliche Familienleben von einem Eber, mehreren Säuen und etlichen Ferkeln beobachten konnten.Schweine tauchen zwar keine mehr in Hamburg auf, aber jede Menge anderes Getier frei nach dem Trockelschen Motto "Jedes Tier ist eine Künstlerin".

Damit kommt ein anderes wichtiges Motiv ihrer Arbeiten ins Spiel: der feministische Ansatz.Doch einfach macht es die Künstlerin ihren Interpreten auch hier nicht.Ironie schwingt stets mit: als solle man wie bei den Schweinen die Kunst nicht allzu ernst nehmen oder wenigstens amüsante Doppelbödigkeiten gestatten.Es darf also geschmunzelt werden bei den Strickbildern, mit denen sich Rosemarie Trockel in den achtziger Jahren einen Namen machte.Die Absolventin der Kölner Werkkunstschule ironisiert mit ihren zur Konzeptkunst avancierten Handarbeiten nicht nur hausfrauliche Werte, sondern die Heroen der Kunstgeschichte gleich mit: die geschlitzten Strickbilder zitieren Fontana, Calder findet sich in Form von Mobiles aus Strickkugeln wieder, und Carl Andre beziehungsweise Sigmar Polke müssen als gestrickte Kachelbilder dran glauben.

Die "Wolle", so der Untertitel, bildet auch die erste Abteilung der in insgesamt neun Kapitel unterteilten Retrospektive, die sich jeweils an Ausstellungen der vergangenen zwölf Jahre orientiert und mit ihnen die Bezüge der jeweiligen Orte in Erinnerung ruft.So entstand etwa die Hommage an Brigitte Bardot in Paris für die Galerie Anne de Villepoix, die zum Teil aberwitzigen Familienporträts in Form von Gipsmodellen und Zeichnungen präsentierte sie in Wien, der Stadt Sigmund Freuds, und ganz neu für Hamburg schuf sie unter dem Titel "Seaworld" eine Installation, die sich auf den berühmten Hafen und die dort arbeitenden Menschen bezieht.Mit jeder Station aber scheint sich die Künstlerin eines anderen Mediums zu bedienen: Gekonnt wechselt sie zwischen Video, Fotografie, Skulptur, Malerei und Installation, immer für eine Überraschung gut wie bei ihrem Kasseler Schweine-Haus.

Doch Rosemarie Trockel als die Komische, die Schwierige, die Wechselhafte stehen zu lassen, wäre zu einfach.Dafür geht es ihr um viel zu Wichtiges.Ihre jüngste Ausstellung in Düren zum Thema Paare beweist es: In schlichtem Schwarz-Weiß fotografierte sie sieben einander umarmende nackte Paare.Nicht ihre Verliebtheit ist das Thema, sondern die Frage der "natürlichen Selektion", die moralische Dimension einer solchen Paarfindung.Mit ihren Strickbildern, Herdplatten auf Emaillegrund, Tierställen, Feldforschungen in der eigenen Familie und unter Liebespaaren, der überraschenden Zusammenfügung von Brecht und Bardot zur Kunstfigur steckt Rosemarie Trockel ein enormes Spektrum ab.Ob es ihr das Material an die Hand gibt, den deutschen Pavillion zu füllen, wird sich im kommenden Sommer erweisen.So viel steht jedenfalls jetzt schon fest: Mit ihr ist die Wahl auf eine der gegenwärtig interessantesten und vielseitigsten Künstlerinnen gefallen, deren Biennale-Beitrag zumindest nicht jene Voraussehbarkeit hat wie bei den meisten ihrer ansonsten zu solchen Ehren kommenden Kollegen.

Kunsthalle, Hamburg, bis 15.November.Anschließend Whitechapel Gallery, London, Staatsgalerie Stuttgart, Musée de Marseille.Katalog 34 DM.

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