Kultur : Lieber eine falsche Entscheidung als keine

Macht und Verzweiflung: „Stauffenberg“ im Berliner Schiller-Theater eröffnet ein Großprojekt zum Hitler-Attentat von 1944

Daniel Völzke

Ein wenig putzig geraten, dieser Hitler. Wenn er visionär in die Ferne blickt, wirkt er wie eine Parodie auf Charlie Chaplins Hitler-Parodie. Erstaunlich gigantisch angelegt hingegen das Projekt, in dem der Schauspieler Uwe Meyer die Rolle des großen Diktators übernommen hat: Zum 60. Jahrestag des gescheiterten Hitler-Attentats bringt Regisseur Klemens J. Brysch das Stück „Stauffenberg – Die Tragödie des 20. Juli 1944“ auf die Bühne des Schiller- Theaters. Doch nicht genug, dass sein neu gegründetes Ensemble gleich das größte Schauspielhaus Berlins bespielt. Nach den sechs Aufführungen dort wird das Stück an weiteren historisch bedeutsamen Orten gezeigt, an der Bauruine der Topographie des Terrors, auf dem ehemaligen Reichsparteitaggelände in Nürnberg, am Ort des Attentatversuchs in Polen, auf Rügen und in Bayreuth. Flankiert wird die Produktion von Symposien und Gesprächsrunden zum Thema. Das Gesamtprojekt trägt den Titel „Stauffenberg heute – Wege aus der Ohnmacht“.

Wer so Großes vorhat, muss viel telefonieren. Während also auf den Proben Hitler seinem Attentäter die Hand schüttelt, sitzt Claudia Lorenz, die Produzentin des Projekts, im Foyer des Schiller Theaters vor ausgebreiteten Papieren und telefoniert. Claudia Lorenz ist die Tochter David Sternbachs, der das Stück vor über 20 Jahren geschrieben hat. Sie hat es neu gelesen, für hochbrisant befunden und ihre Erfahrungen am Theater und als Managerin eingesetzt, um es endlich aufgeführt zu sehen. Ein Wagnis, sicher. Sie aber zitiert Johannes Rau: Eigenengagement sei gefordert, um neue Impulse zu setzen. Und tatsächlich findet so viel Enthusiasmus Entgegenkommen: Lorenz konnte die Unterstützung mehrerer Stiftungen, des Bundeswehr-Verbandes und die Schirmherrschaft des Verdi-Vorsitzenden Frank Bsirske gewinnen.

Auch Vater David Sternbach, der eigentlich Diether Lorenz heißt und sich den Namen aus Respekt gegenüber dem jüdischen Volk zugelegt hat, wollte damals mit seinem Stück neue Impulse setzen: Er brachte den Stauffenberg-Komplex mit der Psychologie Carl Gustav Jungs zusammen. „Alles kommt aus unserem Innern. Psyche ist die Weltmacht Nummer eins – und nicht Amerika“, findet der Münchner, der auch als Bild-Zeitungs-Journalist arbeitete, noch heute. Das Innenleben der Personen versuchte er in seinem Stück mit Hilfe eines Chors präsent zu machen, der die Gedanken und Gefühle Claus Graf vonStauffenbergs vorträgt und hinter Masken das kollektive Unbewusste zum Ausdruck bringt. Sein Sohn Dietrich G. Lorenz vertonte diese Passagen für die Aufführung. David Sternbach zeigt sich zufrieden mit der Inszenierung, freut sich über die Ideen des Regisseurs.

Probenpause. Klemens Brysch sitzt eingeklemmt zwischen zwei Radioreportern und übt sich mit leicht bayrischem Dialekt in Dialektik: Der Attentäter als Verbrecher und Held, als Kulminationspunkt zweier moralischer Systeme, das interessiert den jungen Regisseur, der an der Film- und Fernsehhochschule in Potsdam unterrichtet. „Stauffenberg hat seine Entscheidung getroffen und durchgezogen bis zum blutigen Ende. Das imponiert mir. Lieber eine falsche Entscheidung, als dass ich mein Fähnchen ständig nach dem Wind richte.“ Also auch ein Plädoyer für Selbstmordattentäter von heute? „Knallhart gesprochen: Ja!“ Die Radioreporter horchen auf. Brysch relativiert, differenziert und schränkt sofort ein: Natürlich gingen erst schlechte Entscheidungen anderer der Entscheidung zum Selbstmordattentat voraus. Die Schwere des Satzes aber bleibt.

Einige Tage später, Pfingstsonntag, wird das Stück uraufgeführt. Das Haus ist beinahe voll. Frank Bsirske hält eine Ansprache, Vater und Tochter Lorenz winken im Parkett einander zu. Auf der Bühne singt der Chor von Macht und Verzweiflung.

Wieder vom 2. bis 5. Juni, jeweils 20 Uhr, im Berliner Schiller-Theater

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