Kultur : Lieber im Liegen

Jörg Königsdorf

Schon zum Auftakt haben die Macher des Radialsystems forsch eine der zentralen Konventionen des klassischen Kulturkonsums zur Disposition gestellt: Nicht nur die Tänzer und Musiker des Programms mussten sich bewegen, sondern auch das Publikum, das sozusagen auf eine kulturelle Schnitzeljagd durch die Etagen des schmucken Baus am Ostbahnhof geschickt wurde. Auch in den Nachtkonzerten, die in losem Rhythmus jeweils samstags stattfinden, wird das herkömmliche Ritual beherzt über Bord geworfen. Statt eines Sitzplatzes hat der Besucher lediglich Anspruch auf eine Yogamatte und ein Kissen und darf sich eine Stunde Musik im Liegen anhören. Was durchaus Sinn macht: Denn erstens sitzt der Durchschnittsdeutsche ohnehin viel zu viel, und zweitens ist es durchaus strittig, ob das Sitzen überhaupt die optimale Rezeptionshaltung für klassische Musik ist. Verkrampfungen bleiben nicht aus. Ein Problem, das im Liegen sozusagen flach fällt.

Natürlich wissen auch die Radialsystematiker, dass Entspannung nur mit entsprechend entspannender Musik funktioniert. Nach barocker Kammermusik und persischer Klassik sind im vierten Nachtkonzert nun romantische a-cappella- Werke von Brahms, Mendelssohn, Schubert und Schumann an der Reihe – gesungen vom Berliner Ensemble Atrium , das auch bei der gefeierten Sasha-Waltz-Produktion von Purcells „Dido und Aeneas“ mit dabei war.

Der Gefahr, sich zu sehr zu entspannen und zu den nächtlichen Gesängen des Herrenquartetts in süßen Schlummer zu sinken, lässt sich übrigens leicht vorbeugen: Man trinke vorneweg am besten einen Kaffee und spare sich das Glas Wein für hinterher auf.

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