Kultur : Lieber Kumpel Rudi

Berlins Museum für Kommunikation zeigt Feldpost aus dem 2. Weltkrieg

Jan Oberländer

Ein Lebenszeichen von der mittleren Ostfront brauchte acht bis zehn Tage in die Heimat, ein Fresspaket aus Frankreich war deutlich schneller bei den Lieben im Reich. Alles portofrei. 40 Milliarden Feldpostsendungen beförderte die deutsche Wehrmacht zwischen 1939 und 1945.

Die Bedeutung dieser Dokumente als historische Quellen hat das Museum für Kommunikation Berlin (MfK) erkannt. Dessen Sammlung von Feldpost deutscher Soldaten ist mit rund 50000 Dokumenten die bundesweit zweitgrößte ihrer Art. Dabei will das Museum die Briefe nicht nur archivieren, sondern inhaltlich erschließen. Als erstes Ergebnis wurde am 8. April die Kabinettausstellung „Überlebenszeichen. Feldpostbriefe des Zweiten Weltkriegs“ eröffnet. Die kleine, aber dichte Schau wurde von Studierenden der Humboldt-Universität entwickelt. In einem fächerübergreifenden Praxisseminar unter der Leitung von MfK-Direktor Joachim Kallinich sichteten 19 angehende Historiker und Ethnologen Tausende Briefe. In der Ausstellung präsentieren sie acht Einzelschicksale.

Für den Soldaten Walter Rosemann etwa ist der Krieg ein Kameradschaftserlebnis: „Pfingsten habe ich in Riga verbracht mit Wein, Weib und Gesang“ schreibt er am 3. Juli 1942 an seinen „lieben alten Kumpel Rudi“ – die Etappe als Junggesellensause. Auch Wolfgang K. konnte nicht klagen: „Wir leben wie Gott in Frankreich“, schreibt er, allerdings seien die Lebenshaltungskosten hoch, er bittet seine Eltern, Geld zu schicken. Im Gegenzug versorgt er sie regelmäßig mit Nahrungsmittelpaketen, die Einkaufslisten reichen von Schokolade bis Sittichfutter.

Die Soldatenzeugnisse weisen aber auch auf die dunklen Seiten des Krieges. Hinweise auf Erschießungen jüdischer Zivilisten gibt der Briefwechsel der befreundeten Künstler Hans Albring und Eugen Altrogge. Teile ihrer Post waren auch in Jan Philipp Reemtsmas Ausstellung „Verbrechen der Wehrmacht“ zu sehen. Angst und Pessimismus liest man aus den Briefen des Pianisten Ludwig Sauter, der an der Ostfront verzweifelte: „Wir erwarten hier nichts mehr vom Leben.“

Die interdisziplinäre Arbeit der Ausstellungsmacher zeigt sich in der Präsentation. Die Exponate sind auf Tischplatten und in Schubladen, in Kisten und Kommoden angeordnet. So wird deutlich, dass die Schriftstücke und Fotos, Postkarten und Zeichnungen nicht nur historische Dokumente, sondern immer auch Teil einer familiären Erinnerungskultur sind: Die Korrespondenz einer Frau mit Schulfreunden an der Front liegt, wie vergessen, im untersten Schreibtischfach. Die Briefe des Majors Ludwig Stubbendorff in einer großbürgerlichen Wohnzimmerkommode. Ein postum angefertigtes Ölporträt, inklusive Reichsadler, zeigt das verklärende Gedenken an den Gefallenen.

Die Ausstellungsmacher sind sich bewusst, dass die Feldpostbriefe die Sicht der „deutschen, gleichgeschalteten Mehrheitsbevölkerung“ zeigen. Andere Geschichten dürften nicht vergessen werden. Bewertungshinweise und historische Einordnung lassen an keinem Punkt den Verdacht der Einseitigkeit entstehen. Gleich zu Beginn wird die Institution Feldpost als logistisches System sowie als der Zensur unterworfenes Propagandainstrument beleuchtet, das starken Regulierungsversuchen ausgesetzt war. Die Parole: „Verzagte Briefe schreibt man nicht, die Front erwartet Zuversicht!“

Den Abschluss der Schau bilden Auseinandersetzungen der Kinder- und Enkelgeneration mit der Kriegspost. So ist die Beschäftigung eines Seminarteilnehmers mit Briefen und Aquarellen seines Großvaters dokumentiert, der Künstler Werner Steinbrecher setzt sich in einem Bild mit seiner Familiengeschichte auseinander. Und Petra Budas Film „Eine Liebe in Wismar“ (1991) verarbeitet auf Grundlage sehr bewegender Briefe die Jugendliebe ihrer Mutter zu einem Wehrmachtssoldaten. So bringt die Ausstellung familiäres und historisches Gedächtnis zusammen. Und will damit auch dazu anregen, auf dem eigenen Dachboden, in den eigenen Schubladen die Suche nach der Familiengeschichte zu beginnen. Man kann aber auch in der Gegenwart ansetzen: Etwas versteckt neben der Eingangstür hängen Feldpostkarten der Bundeswehr – aus Afghanistan.

Bis 8. Mai, Museum für Kommunikation, Leipziger Str. 16, Tel.: 202940.

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