Kultur : Lieber Papa!

MANUEL BRUG

Wolfgang Wagners verstoßener Sohn Gottfried kündet in Buchform von seinem Leiden am Urgroßvater.VON MANUEL BRUGGerade ist das gar nicht süße Lied verhallt, welches die letzten, ausnehmend schwachen Bayreuther Festspiele begleitete.Und auch dieses Jahr wissen wir, daß dies nicht anders wird.Denn von ästhetischem Stillstand und Wagnerdämmerung in Oberfranken ist schon länger die Rede.Zunehmend gerät Wolfgang Wagner, der patriarchalische, bald 78jährige Boß des Grünen Hügels, unter Beschuß.Zum einen in der Presse, wo man bemängelt, daß die Konzepte fehlen, die Festspielmühle sich nur stetig und immer anspruchsloser weiterdreht.Zum anderen, das ist nicht neu, verschärft sich aber, je länger Fafner Wolfgang ("Ich lieg und besitz") seinen Hort hütet, der Ton in der nach der Erbfolge drängelnden Generation der Urenkel des großen Richard.Jetzt hat Gottfried Wagner mit seiner als "autobiographische Aufzeichnungen" getarnten Abrechnung mit Über-Urgroßvater und Vater "Wer nicht mit dem Wolf heult" die nächste Runde um den Gral eingeläutet. Urenkel gibt es inzwischen nämlich zwölf, doch für einen Bayreuth-Posten kämen fünf in Frage.Da wäre als Tochter Wielands die brillante Autorin Nike, die nicht müde wird, die vom Onkel praktizierte "Wiedergutmachungsdemokratie mit halbgarer Entnazifizierung nach dem Krieg bis in das richtungslose Marketing unserer Tage" zu geißeln.Dem könnte freilich abgeholfen werden, indem man Nike zur Festspiel-Chefin machen würde, denn: "Ich stehe zur Verfügung".Solches würde sie dann im Triumvirat versuchen mit ihrem Bruder Wolf-Siegfried, genannt "Wummi", der sich bisher durch schwache Operninszenierungen keinen Namen gemacht hat, und der geschaßten Wolfgang-Wagner-Tochter Eva, die sich als Verwaltungsfrau an den Opernhäusern in Paris und Houston profilieren konnte. Dann wären da noch Katherina, die gerade 19jährige Tochter Wolfgang Wagners aus dessen zweiter Ehe, die so - geht das Gerücht - zusammen mit ihrer Mutter Gudrun (die dann als dritte, nach Cosima und Winifred, die Stelle der allmächtigen Hohen Bayreuther Frau einnehmen würde) von ihrem Vater heftig lanciert wird.Und eben Wolfgangs verlorener Sohn aus erster Ehe, Gottfried, um den es im Folgenden gehen soll.Sie alle müßten freilich, wenn der Prinzipal auf Lebenszeit endlich einmal das Ende will, vom seit 1976 existierenden Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele berufen werden, in dem die Familie Wagner nur fünf von 24 Stimmen hält.Und für alle gilt auf dem Grünen Hügel nach wie vor, was Wolfgang Wagner schon 1976, dem sonst mehr den Wunschmaiden als dem Nibelungengezänk zugeneigten "Playboy" anvertraut hat: "Wenn ich jetzt ausscheiden würde, bringt keiner von der jungen Wagner-Generation die Voraussetzungen mit, um Bayreuth zu leiten." In seinen 1994 erschienenen Erinnerungen "Lebens-Akte" qualifiziert er Kinder, Nichten und Neffen noch einmal als "Wagnersche Wirrköpfe" ab. Besonders getroffen hat dies natürlich seinen 50jährigen Sohn Gottfried, der es jetzt für an der Zeit hielt, sich in seinem Buch Luft zu machen.Es ist ein kafkaesker Brief an den Vater geworden, das Dokument einer von Anfang an zerrütteten Beziehung, die zu schweren Neurosen geführt hat.Dagegen verblassen Tampon-Geschichten und Fernsehbeichten der Windsors genauso wie die seifigen TV-Clankämpfe zwischen Dallas, Denver und Guldenburg.Da muß man bis zu den Atriden zurückblicken, auch wenn die Beile, die im Hause Wagner geschwungen werden, bisher verbaler Natur sind. Gottfried Wagner erzählt im trockenen Kanzlistenton seines Vaters (den er selbst in den letzten, zwischen ihnen gewechselten Briefen als "Lieber Papa!" tituliert), wie er von frühester Kindheit an unter seinem Namen zu leiden hatte, wie er, weil seine Eltern ganz für die Festspiele lebten, abgeschoben wurde in Pflegefamilien und Internate, wo seine Lehrer offenbar alle Altnazis waren.Mit den Kindern von Onkel Wieland durfte er nicht spielen, dessen Proben nicht besuchen, über Nazi-Bayreuth hat niemand mit ihm geredet, genauswenig wie über den Antisemiten Richard Wagner.Die beiden Familien verfeindeten sich immer mehr, für den unterdrückten, künstlerisch schwächeren Wolfgang schlug erst 1966, nach dem Tod von Wieland, die große Stunde, die er bis heute auskostet.In diesen Passagen liest sich das Buch - für den, der es wissen will - als willkommener Ergänzungsband zu den Wolfgang-Memoiren, die vieles ausparen, nur streifen oder verfälschen.Findet doch Gottfried im Lebensbericht seines Vaters an nur zwei Stellen lieblose Erwähnung. Doch Gottfried will natürlich, auch wenn er es immer wieder abstreitet, auf den Bayreuther Thron.So lautet schon der dritte Satz des Buches: "Bereits die Wahl meines Vornamens deutet auf eine mögliche künftige Führungsrolle im Familienunternehmen hin." Freilich vergißt der Autor mitzuteilen, daß Gottfried, der kindliche König von Brabant in Ur-Opas "Lohengrin", nur eine stumme Rolle hat.Daran hätte er sich halten sollen.Nicht nur, daß er in grotesker Verkennung der eigenen künstlerischen Potentiale sich seitenweise ausläßt über seine meist glücklosen Unternehmungen wie Programmheftaufsätze, eine Orff-Inszenierung in Ankara und ein achtminütiges Video über den "Ring", mit dem er durch die Lande reist (deshalb wohl heißt es im Klappentext als Berufsbezeichnung "Multimediaregisseur und Publizist").Darüber hinaus will er, der seit Jahren Trauerarbeit in Sachen Familie Wagner und die Nazis leistet, Vorträge in Israel über sein übermächtigen Urgroßvater hält, dessen Musik er "nur zu Forschungszwecken" hört, ähnlich wie es Niklas Frank mit dem Buch über seinen Vater getan hat, die "Wahrheit" über das neuen Bayreuth verkünden, wo noch immer die braune Soße köchelt.Dies tut er mit masochistischem Willen zur totalen Exhibition. "Wer nicht mit dem Wolf heult", das bezieht sich, der Umschlag verrät es schon, auf Adolf Hitler, der von Winifred immer als "Onkel Wolf" empfangen wurde.Doch was hier Wagner ans Tageslicht kommt, ist läppisch.Zusammenhanglos wird als Sensation gestreut, was aus Friedelind Wagners wiederaufgelegtem "Nacht über Bayreuth" oder Frederic Spotts "Geschichte der Wagner-Festspiele" längst bekannt ist: daß Winifred Hitler das Papier für "Mein Kampf" in die Festung Landsberg bringen ließ, oder daß sein Vater von Hitler am Krankenbett besucht wurde.Daß Neubayreuth kein ideolgischer, sondern höchstens ein szenischer Neuanfang war, ist längst klar geworden.Daß Wolfgang Wagner, infiltriert von der bis zu ihrem Tod 1980 glühenden Nazisse Winifred, und umgeben von servilen Speichelleêkern stramm konservativ wurde, mit Ansichten wie "Wenn Hitler die Juden für sich gewonnen hätte, dann hätten wir den Krieg gewonnen" aufwartet, überrascht kaum.Ob man aber deswegen und weil der Hüter des Grals selbstgedrehte Filme über Hitlers Privatbesuche auf dem Speicher vergammeln läßt, gleich einen allgemeinen "Bayreuther Philosemitismus" konstatieren muß, der "Alibi-Juden" wie Daniel Barenboim und James Levine auf sein Schild stellt? Paranoide Züge nehmen die Schilderungen des "langen Arms" von Bayreuth an, der Gottfried an der Ausübung seiner diversen Berufe hindert und den deutschen Kulturberieb von August Everding bis Walter Jens, natürlich auch die Presse zu Erfüllungsgehilfen des Paten vom Grünen Hügel macht. Eingeleitet wird dieses dröge Pamphlet eines Zukurzgekommenen, der sich die Wunde des Ungeliebten leckt, von keinem Geringeren als Ralph Giordano.Ihm, der sich als "Pate" dieser "Gegenchronik zum offiziellen Bayreuth" vorstellt, muß dieser "Befreiungsschlag" gegen die "Schlußstrichzieher" der Vätergeneration schon als Tat naturgemäß symphatisch sein.Immerhin sind seine zwanzig Seiten, die unfreiwillig die durchaus bedauernswerte Misere des Gottfried Wagner analysieren, brillanter als die restlichen 380.Die kann man sich sparen. Gottfried Wagner: Wer nicht mit dem Wolf heult.Autobiographische Aufzeichnungen eines Wagner-Urenkels.Verlag Kiepenheuer & Witsch.Köln 1997.400 Seiten.45 DM.

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