Kultur : Lieber zivil als zu wenig

Jörg Plath

In der Internationale der Globalisierungskritiker gebührt Benjamin Barber der Posten des Generalsekretärs. In seinem vor sieben Jahren unter dem Eindruck der Jugoslawienkriege geschriebenen Buch "Coca Cola und Heiliger Krieg" (deutsch 2001) warnt der amerikanische Politikwissenschaftler vor den Gefahren für die westliche Demokratie durch Globalisierung und Fundamentalismen. Er betrachte Osama Bin Ladin nicht als seinen PR-Manager, sagte Barber am Dienstagabend in der American Academy Berlin. Aber die Anschläge vom 11. September bestätigten seine Analyse.

Barbers unterhaltsamer Vortrag variierte vornehmlich Bekanntes. Bei aller Bewunderung für Präsident Bushs Kriegsführung ist er der Auffassung, auf Herausforderungen des 21. Jahrhunderts dürfe man nicht nur mit Mitteln des 19. reagieren. Nötig sei eine zivile Strategie, denn mit dem Terror verteidigten sich von der Globalisierung marginalisierte Menschen. Sie müssten wieder die Verantwortung für ihr eigenes Schicksal übernehmen können. "Demokratisieren wir die Globalisierung!", ruft Barber in den gut gefüllten Saal. Der DaimlerChrysler-Fellow und frühere Berater von Bill Clinton begründet seine Forderung mit einem unbeschwerten Blick in die Geschichte: Die zerstörerischen Energien des Kapitalismus seien in Frankreich, England und den USA von der zeitgleich entstehenden Demokratie gebändigt worden. Nun müsse sie den Neoliberalismus zähmen. Sonst würden wiederum US-Amerikaner Opfer der durch die Globalisierung verursachten Hoffnungslosigkeit etwa in Afrika - ohne dafür verantwortlich zu sein. Die Globalisierung der Demokratie entspringe dem Wunsch zu überleben.

Die Zähmung des Kapitalismus traut Benjamin Barber, deutlich gegen isolationistische Bestrebungen in den USA argumentierend, neu zu gründenden, aber auch vorhandenen Institutionen zu: den UN, der Weltbank, dem IWF und der Welthandelsorganisation. Anders als Nichtregierungsorganisationen seien sie demokratisch legitimiert. Nun ist genau das der Grund, warum die genannten Organsationen mit Ausnahme der UN bisher sämtlich als Verfechter des Neoliberalismus aufgetraten. Die Demokratie aber, deren segensreiches Wirken Barber schon in den Monarchien des 18. und 19. Jahrhunderts erkennt, hat ihr Selbstbewusstsein verloren. "Warum?", fragt er. "Hat denn nach dem 11. September jemand Bill Gates angerufen und um Hilfe gebeten?" Barber ist ein Wanderprediger der Globalisierungskritik, deren nationale Spezifika bei hiesigen Vertretern Irritationen auslöst. Barber kritisiert nicht den Kapitalismus für seine Profitsucht, sondern die Politik dafür, ihr keine Grenzen zu setzen. Er setzt auf das Individuum und den Wahlakt, statt sich als kleines Rädchen im System zu betrachten. Und: Er ist optimistisch. Die Entnazifizierung der Deutschen habe 1945 nicht gerade als profitables Investment gegolten und sei doch unternommen worden. Der IWF soll sich nach Barbers Willen heute ganz ähnlich in islamischen Ländern engagieren, kontrolliert von der jeweiligen Regierung.

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