Kultur : Liebes Wesen

Im Kino: Dito Tsintsadzes „Mann von der Botschaft“

Jan Schulz-Ojala

Herbert Neumann ist ein still verbrauchter Mensch im Frühherbst seines Lebens, unabhängig zumindest im Privatleben, einsam und frei. Als Referent an der deutschen Botschaft in Georgien steht er schon mal vor seinem Chef stramm, einem so leeren wie lauten Dieter-Bohlen-Typ, aber von diesem Nachgeordnetsein nimmt er nichts mit in sein Teilzeitzuhause. Dort ist er anderswo und nirgendwo; beamt sich wandfüllend weg in die Computerwelten von „Myst“, klickt auf Türklinken und Scharniere, tastet sich mit der Maus weiter und weiter.

Ein solches Leben will durcheinandergebracht sein, zumindest im Kino. Die unerhörte Begebenheit, die Neumann widerfährt, ist der Versuch eines Straßenkinds, ihm auf dem Markt in Tiflis das Portemonnaie zu klauen; als er aber mitansieht, wie das Kind verprügelt wird, regt sich Mitleid in ihm, Nähebedürfnis, ein verschütteter Fürsorgeimpuls. Das Kind, es heißt Sashka, ist unter dem schwarzen Basecap und im zerschlissenen langen Hemd kaum als Junge oder Mädchen erkennbar. Es ist ein etwa zwölfjähriges Wesen, ein streunendes. Neumann lässt es die Einkaufstüten tragen und gibt ihm Geld dafür. Kauft ihm Schuhe und – das Wesen ist ein Mädchen – irgendwann ein Kleid.

Burghart Klaußner, der großartige Banker aus „Die fetten Jahre sind vorbei“, und Lika Martinova, auch im wirklichen Leben ein Straßenkind, sind in Dito Tsintsadzes drittem Spielfilm zwei leise Kammerspieler, im Auto, in der Wohnung, dann wieder unterwegs. Reden miteinander können sie nicht und verstehen sich doch: Jeder spricht die eigene Sprache, den Rest besorgen die Gesten. Die Welt draußen ist für die beiden erst ferner als die Spiel-Labyrinthe von „Myst“. Dann rückt sie, Verdacht schöpfend, doch heran: mit Prügeln und mit der Polizei. Was treibt diesen einsamen Botschaftsangestellten, treibt da einer Missbrauch mit einer Minderjährigen?

Der Film lebt von diesem Verdacht so, wie sein Held vom Gehalt lebt: auf einer Oberfläche. Die Innenwelt dieser ungewöhnlichen Beziehung ist die eines Vaters zu seiner nie geborenen Tochter, eines elternlosen Kindes zu jemandem, der ein bisschen für es sorgt – und daran, dass sie juristisch und moralisch unschuldig bleibt, lassen die Geschichte und das Spiel der Protagonisten keinen Zweifel. Es ist eher die umgebende Gesellschaft, die sich im ungenauen Blick auf das Paar zu der ihr innewohnenden Hässlichkeit verformt. Viele Ausgänge gäbe es aus „Der Mann in der Botschaft“; Dito Tsindsadze klickt, und das ist eine der zahlreichen Stärken des Films, auf den leisestmöglichen. Jan Schulz-Ojala

Eiszeit, Hackesche Höfe, Kant

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