Kultur : Liebesdienste

Weiße Frauen, schwarze Männer – und ein Urlaub der anderen Art

Christiane Peitz

Frauen über 50, die Sex haben mit jungen schwarzen Männern? Und die auch noch darüber reden, über ihre Lust, ihre Obsession – und darüber, dass in ganz Boston kein Weißer es mit dem schönen Haitianer Legba aufnehmen kann?

Klingt nach Houellebecq, aber was sein Landsmann Laurent Cantet im Haiti-Film „In den Süden“ erzählt, ist Houellebecq mit Herz. Keine kühle Abrechnung mit dem Massenphänomen Sextourismus, sondern eine Erkundung: die etwas andere Möglichkeit einer Insel. Die Möglichkeit für reiche weiße Amerikanerinnen und bettelarme schwarze Einheimische, bei aller Gewalt – der Film spielt in den Siebzigern während der Diktatur von „Baby Doc“ Duvalier – und trotz der extremen Unterschiede zwischen Arm und Reich irgendwie zusammenzukommen. Für einen Augenblick der Liebe, der sich unter der flimmernden Sonne schnell wieder verflüchtigt.

Charlotte Rampling spielt Ellen, die Literaturprofessorin aus Boston. Jeden Sommer macht sie Urlaub im Karibik-Hotel „La Petite Anse“, um sich zu amüsieren: mit Legba und anderen jungen Schwarzen, die gegen kleine Geschenke gern die Nacht mit ihr verbringen. Ellen ist Stammgast: die Strandkönigin, souverän, cool, fast verhärmt und doch voller Liebeshunger – großartig, wie allein Ramplings Mundwinkel all das verraten. Brenda (Karen Young) kommt neu hinzu, auch sie verguckt sich in Legba: eine Romantikerin mit staksigem Gang, knochiger Figur, flatterndem Blick. Das mit der Coolness muss sie erst noch lernen.

In Amerika ist Sex im Alter nicht nur kein Tabu mehr, die erotischen Bedürfnisse der Generation Viagra sind längst auch Stoff für den Mainstream. „In den Süden“, Cantets dritter Film, war in den USA ein Sommerhit. Dabei wagt er mehr als Nancy Meyers’ romantische Komödie „Was das Herz begehrt“ (2004). Da hatten die Alten Sex miteinander, während der junge Keanu Reeves vergeblich um Diane Keaton warb – sie bevorzugte den faltigen Jack Nicholson. Bei Cantet scheren sich die Amerikanerinnen nicht um gleichaltrige Touristen, sie begehren die sexy Körper der jungen Schwarzen, ihre glatte, im Mondschein glänzende Haut.

Cantet entdeckt die Einsamkeit hinter dem Verlangen, die Verwirrung und Verstrickung der Frauen und ihrer Lover. Immer wieder rückt Cantet die Lamellen der Fensterläden ins Bild, als Begrenzung zweier Parallelwelten: Während Ellen und Brenda um Legba konkurrieren, ist der Liebesdienst für ihn vor allem ein Knochenjob. Wobei ihm die Schergen des Diktators weit mehr zu schaffen machen als die Ansprüche der Ladys.

Politik der Blicke, Politisierung der Körper. Wie in seinem Arbeitslosendrama „Auszeit“ beobachtet Regisseur Cantet in unspektakulären, aber eindrücklichen Bildern, wie das Soziale, das Ökonomische jeder Bewegung und Berührung eingeprägt ist. Eine Zärtlichkeit kostet einen Tequila Sunrise. Und wie das zwanglose Fußballspiel der jungen Männer auf dem Marktplatz grundiert ist von der Angst vor polizeilicher Willkür, wollen sich die in den US-Großstädten domestizierten Frauen umgekehrt von ihren Zwängen befreien. Aber sie etablieren neue Besitzverhältnisse: einen Kolonialismus der Gefühle.

Aber das Muster von Ausbeuterin und Ausgebeutetem, Täterin und Opfer geht nicht auf. Die Bilder entwickeln Empathie für die stille Verzweiflung, mit der die Frauen und ihre Liebhaber sich eine Traumwelt vorgaukeln. So wie sich der arbeitslose Held von „Auszeit“ in einen ganz normalen Berufsalltag hineinfantasierte, klammern sie sich an die Illusion, es könnte so etwas wie Nähe geben. Und wissen es besser.

Am Ende liegen zwei schwarze Leichen am Strand – Routine für die Polizei. „Touristen sterben nie“, beruhigt der alte schwarze Hotelangestellte die Damen. In den Augen seines Großvaters waren Weiße noch Tiere.

Cinema Paris (auch OmU), Cinemaxx Potsdamer Platz, fsk (OmU), FT Friedrichshain, Kulturbrauerei, Yorck

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