Kultur : Liebesdoppel

Shakespeares Tschechows „Onkel Wanja“ und „Was ihr wollt“ in Potsdam-Sanssouci

Patrick Wildermann

Ein Hauch von überlebter Dekadenz durchweht diese Räume, ein Klima südländischer Wehmut hat sich niedergeschlagen. Die Pflanzenhalle des Westflügels der Orangerie Sanssouci, die König Friedrich Wilhelm IV. sich bauen ließ, ist ein Sehnsuchtsort. Ein schöner Platz, um Theater zu spielen. Uwe Eric Laufenberg, seit dieser Saison Intendant des Potsdamer Hans-Otto-Theaters, hat das Reisen mit seinem Ensemble zur flüchtigen Kunstform erhoben, sich das Motto „Unterwegs“ auf die Fahne geschrieben und im nimmermüden Premierenrausch etwa die Villa Kellermann, die Freundschaftsinsel und das Palais Lichtenau bespielt.

Nun, zum dionysischen Sommerausklang, ist er in Sanssouci angelangt, wo er zusammen mit Tobias Sosinka ein berührendes Amouren-Doppel voll Maßlosigkeit und Melancholie einzurichten versteht: Shakespeares „Was ihr wollt“ und Tschechows „Onkel Wanja“, an zwei aufeinander folgenden Abenden vom nahezu identischen Schauspielertrupp in der schnörkellosen Übersetzung von Thomas Brasch interpretiert.

Drei Jahrhunderte und kein bisschen Erfahrungsgewinn in Herzensdingen liegen zwischen den beiden Dramatikern. Hier wie dort überbordet das Verlangen nach Liebe, die jedoch entweder keine Erwiderung findet, oder, viel schlimmer, erwidert wird und nicht auszuhalten ist. In der feudalen Wandelhalle lauschen die Figuren beider Stücke schier ungläubig dem Nachklang ihrer eigenen Wünsche, suchen der inneren Heimatlosigkeit im Auge des anderen zu entkommen, reden sich ins Gefühlsfeuer, um sich selbst zu spüren. Tschechows Landlebensweise „Onkel Wanja“ erblüht da in der Orangerie in allen Facetten menschlicher Kümmernisse und Kümmerlichkeiten – komisch, ungekünstelt, wiedererkennbar. Laufenberg und Sosinka bebildern die Szenen der russischen Provinztristesse mit werkergebener Zurückhaltung und Sensibilität, entfachen einen sanften Reigen zwischen Samowar-Pausen und Seelenpein. Adina Vetter spielt die schöne Jelena, die zweite Frau des gealterten Professors Serebrjakow (Günter Junghans), dem sich sämtliche Gutsbewohner des Stücks untergeordnet haben. Um Jelena beginnt der erotische Wirbel, in sie verlieben sich Onkel Wanja, den Christian Klischat als Zyniker aus Selbstverachtung vorstellt, und der Arzt Astrow, bei Henrik Schubert ein ausgebrannter Feingeist, der seiner eigenen Klugheit überdrüssig geworden ist. An Astrow wiederum hat die junge Sonja ihr Herz verloren. Die vor Energie und Präsenz berstende Meriam Abbas schafft einige wundervolle Momente des entgrenzungsbereiten Verlangens, bevor nach allerlei sinnlos verschossenem Leidenschafts-Pulver die Figuren wieder ihr Dasein zu verwalten beginnen, als sei nichts geschehen. Auch der Sturm zwischen Jelena und Astrow legt sich rasch. Wenn er sie im letzten Akt, den Tschechow sich „still und träge“ wünschte, endlich küsst, dann doch bloß, in den Worten des Schriftstellers, „weil er nichts Besseres zu tun weiß“. Die Liebe geht hier allen leicht über die Lippen, bloß zu leben traut sie sich keiner, und das wird an diesem Abend traumwandlerisch in Gisbert Jäkels sparsames Bühnen-Tableau gefasst.

Auch bei Shakespeare spielen die Figuren mit ihren Gefühlen Versteck, wenngleich im karnevalesken Mummenschanz. Illyrien heißt in dieser Mittsommernachtssexkomödie das Ufer der gestrandeten Herzens-Hasardeure. Orsino (Henrik Schubert) begehrt Olivia (Adina Vetter), die ihn nicht erhört. Was an Turbulenz gewinnt, als die junge Viola (Meriam Abbas) ankert und im Männergewand das erotische Dreiecks-Delirium forciert. Dem ist zwar ein Happy-End beschieden, doch ist die Liebe auch hier, wie der Shakespeare-Verehrer Jan Kott einmal schrieb, „das Betreten einer Gefahrenzone“. Es ist ein entsprechend knisterndes Vergnügen, wie Laufenberg und Sosinka auf der gesamten Breite des Westflügels, zwischen Bassin und Balustrade, das zotige, alberne und emotionstrunkene Treiben entfesseln, das der Musiker Marc Eisenschink poetisch auf der Gitarre untermalt. Und es ist eine Freude, die Schauspieler sich verwandeln zu sehen, etwa die „Wanja“-Kontrahenten Junghans und Klischat als Sir Rülps und Sir Leichenwang in Narretei verbrüdert zu erleben, überhaupt in den grotesken Spiegel der Tschechowschen Sehnsucht zu blicken. Man wünscht diesen illyrischen Liebesflüchtlingen gar keine Heimat. Nur der Augenblick, ach, der soll verweilen.

bis 31. Juli, Mi-So (außer 27.7.), Sa beide Stücke hintereinander. Tel. 0331/9811-914

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