Kultur : "Liebesdurst": Die Muskeln des Gärtners

Rolf Spinnler

Yukio Mishima ist ein Schriftsteller, der als Person bekannter ist als sein literarisches Werk. Dazu hat der 1925 geborene japanische Autor schon zu Lebzeiten durch sorgfältig kalkulierte Inszenierungen beigetragen. Er ließ sich als halbnackter Muskelmann mit einem Samurai-Schwert fotografieren oder posierte - an einen Baum gefesselt und von Pfeilen durchbohrt - als heiliger Sebastian. Ihre Vollendung erfuhr diese Stilisierung des eigenen Lebens zum Kunstwerk dann im November 1970 in Mishimas öffentlichem Selbstmord, der Bilder des Kriegers und des Märtyrers zusammenführte und in der Verschmelzung von Schönheit, Eros und Tod die eigene Apotheose bewirken sollte. Seither wird Mishima von den einen als Linksfaschist verurteilt und von den anderen als schwule Ikone verehrt.

Der Mythos Mishima hat sein Werk in den Hintergrund treten lassen. Am bekanntesten ist immer noch der Coming-out-Roman "Geständnis einer Maske", mit dem der Japaner 1949 schlagartig berühmt wurde. Jetzt hat der Insel-Verlag seine 32 Bände umfassende "Japanische Bibliothek" mit dem Roman "Liebesdurst" abgeschlossen, den Mishima 1950 veröffentlichte. Wie alle Bücher dieser Reihe wurde das Werk direkt aus dem Japanischen übertragen - keine Selbstverständlichkeit im heutigen Verlagsgeschäft, wie vor kurzem die Debatte um Haruki Murakamis "Gefährliche Geliebte" zeigte, die den deutschen Leser erst auf dem Umweg über die amerikanische Übersetzung erreichte.

Bestätigt "Liebesdurst" nun das Bild von einem Autor, der in die Nachfolge der europäischen Décadence gehört? Ja und Nein. Viele Motive, die man schon aus "Geständnis einer Maske" kannte, tauchen hier erneut auf. Da ist wieder Mishimas erotisches Ideal, der junge Naturbursche: schön und schmutzig, mit viel Muskeln, aber einem schlichtem Gemüt. Der Junge ist 18 Jahre alt und arbeitet als Gärtnergehilfe auf einem Landgut, auf das sich der Direktor eines Frachtunternehmens nach seiner Pensionierung zurückgezogen hat. Im Haus des Witwers leben noch sein ältester Sohn und dessen Frau sowie seine Schwiegertöchter Asako und Etsuko. Asako wartet mit ihren Kindern auf die Rückkehr ihres Mannes aus russischer Kriegsgefangschaft; Etsuko ist nach dem Tod ihres Gatten von ihrem Schwiegervater aufgenommen worden, der sie alsbald zu seiner Geliebten macht. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Über der ländlichen Idylle brauen sich schwüle Gewitterwolken zusammen, die schöne und stolze Etsuko verzehrt sich in leidenschaftlicher Sehnsucht nach dem Gärtnerburschen. Da ist sie wieder, die klassische Konstellation der unmöglichen Liebe bei Mishima: die empfindsame Seele begehrt den proletarischen Körper, aber beide können nicht zusammenkommen. Weil der begehrte Junge so schön und unerreichbar ist, muss er schließlich eines blutigen Todes sterben wie einst der heilige Sebastian.

Die erwarteten sado-masochistischen Zutaten fehlen also nicht. Doch Mishima zeigt, dass er als Schriftsteller noch über andere Fähigkeiten verfügt. Er wirft einen satirischen Blick auf die japanische Gesellschaft, die wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen Depression, Zynismus und vitaler Lebenslust nach Orientierung sucht. Irmela Hijiya-Kirschnereit weist in ihrem Nachwort auf Parallelen zum Kino des italienischen Neorealismus hin. Wie Pasolini oder der frühe Visconti schwankt auch Mishimas Haltung zwischen einer snobistischen Verachtung der neureichen Kleinbürger, Provinzler und Pseudo-Intellektuellen (er selbst hatte die Adelsschule besucht) und der ekstatischen Feier des urwüchsigen proletarischen Lebens. Auf jeden Fall kann man hier einen Autor wiederentdecken, der über eine Vielzahl von Schreibtechniken verfügte und deshalb hervorragend in unseren postmodernen Stilpluralismus passt.

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