LIEBESFILM„My Blueberry Nights“ : Wir Übriggebliebenen

Kerstin Decker

Wong Kar-Wai ist ungefähr so witzig wie eine Wagner-Oper, konnte man noch bei „2046“ sagen. Das muss jetzt revidiert werden. Der wohl größte Spezialist für seelische Weltuntergänge und -aufgänge des zeitgenössischen Kinos ( „In the Mood for Love“) hat mit „My Blueberry Nights“ erstmals in den USA gedreht. Und statt „Casta Diva“, der schönsten Opernarie der Welt, klingt die Musikerin Norah Jones durch diesen Film. Sie klingt nicht nur durch, sondern sie tritt auch auf, und zwar in der Hauptrolle.

Ebenso schön wie traurig sitzt sie als Elizabeth am Tresen eines New Yorker Cafés. Norah Jones kann das: mit sympathischer Selbstverständlichkeit einfach nur dasitzen. Später steht und fährt sie auch rum. Das Mädchen lernt gleich zu Beginn, dass es im Leben grundsätzlich zwei Arten von Kuchen gibt: Blaubeerkuchen und die Erfolgskuchen, also Apfelkuchen, Pflaumenkuchen, Schokoladenkuchen. Was das Besondere am Blaubeerkuchen ist? Er bleibt immer übrig. Genau wie Elizabeth – sie wurde soeben verlassen. Mit Blick auf den bekennenden Blaubeerkuchen-Bäcker hinter dem Tresen (Jude Law!) ist das vielleicht gar nicht schlimm, aber noch weiß Elizabeth das nicht.

Die Blaubeerkuchen-Idee ist witzig-leicht und doch nur ein Spezialfall der Wong-Kar-Waischen Melancholie, die immer an Besessenheit grenzt. Denn natürlich backt Jeremy den Blaubeerkuchen nur, um zu sehen, wie er übrig bleibt. Jude Law wirkt, als habe er nie im Leben etwas anderes gemacht, als hinter dem Tresen eines Verlierer-Cafés zu stehen. Das ist gut, das ist großartig, denn Wong Kar-Wais Figuren stellen Zustände dar, keine Entwicklungen. Eigentlich ist alles wie immer bei ihm: eine Liebesgeschichte, gleichsam von innen fotografiert. Auch wenn Elizabeth durch halb Amerika fährt auf der Suche nach sich selbst. Eine der aussichtslosesten Suchen überhaupt. Aber das Unerwartete geschieht.

Auch „My Blueberry Nights“ wirkt wie seine Vorgänger ein wenig konfektioniert, fast wie eine Selbstkopie. Diesmal noch ein wenig mehr wie Selbstkopie. Und doch ist es wieder jene gegenseitige Steigerung von Bild und Ton, bis man die Bilder hören und die Musik sehen kann. Es ist Perfektion. Was sonst soll man kopieren? Nur etwas kühler und leichter ist der Tonfall. Manche sagen: seichter. Aber das täuscht. Es ist nur die Abwesenheit der vorsätzlichen Tiefe. Melancholisch. Kerstin Decker

„My Blueberry Nights“, USA/Hongkong 2007,

95 Min., R: Wong Kar-Wai, D: Norah Jones, Jude Law, Natalie Portman, Rachel Weisz

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