Kultur : Liebesgrüße aus Georgetown

Nicht nur Schriftsteller und Theaterregisseur: George Tabori war auch ein witzig-wunderbarer Zeichner. Hier hat er Premiere.

Peter von Becker

Die Erfindung des Fax war für ihn seit der Erfindung der Schreibmaschine und des Wiener Schnitzels die wohl segensreichste Menschheitserfindung. So konnte George Tabori in der Dämmerung des 20. Jahrhunderts spontane Geistesblitze, Liebesgrüße, Lebenszeichen zur Erhellung und Erheiterung seiner Freunde und Lieben mit fast schon jener Präsenz verschicken, die er sich dann körperlich, sinnlich von seinen Schauspielern wünschte.

Dabei war Tabori nicht nur der Schriftsteller und auch aus der Ferne noch planende, anregende, inszenierende Regisseur. Er war, was wenige bisher wissen und je gesehen haben, immer auch: ein wunderbarer, witziger Zeichner. Seine Handschrift erschien manchmal nicht so leicht lesbar, in seinem leicht krakeligen, mit Fehlern selbstbewusst kokettierenden Deutsch- Englisch. Doch was sofort ins Auge sprang und den Absender zum Lachen und Staunen ganz (geistes)gegenwärtig machte, waren die häufig beigefügten eigenhändigen Vignetten, illustrativen Schnörkel und seine Signatur lebensvoll ergänzenden Selbstporträts.

Diese Zeichnungen mit Feder, Bleistift oder Kugelschreiber sind mitunter fast schon szenische Cartoons, kleine Sketches. Mit der Grazie eines Saul Steinberg, eines Sempé, und das genial reduzierte Beckett-Portrait grüßt sogar mit einem Hauch Cocteau. Als Erkennungszeichen fungiert freilich das Zentralorgan seines markanten, schönen Gesichts. Also spielte George auf dem Papier nicht nur den Nasenbär, er verwandelte auch den Bug eines Flugzeugs ganz mühelos in das eigene Signum.

Überhaupt liebte er die kurze Botschaft von unterwegs – und ein Reisender war der 1914 in Budapest geborene Ungar mit englischen Pass, der im letzten Sommer in Berlin am Schiffbauer Damm gestorben ist, fast lebenslang. Vor allem seiner letzten Lebenspartnerin, seiner Frau und vertrautesten Schauspielerin Ursula (Uschi) Höpfner-Tabori hat er bis wenige Monate vor seinem Tod manchmal mehrmals täglich und oft gleich nach dem Aufwachen seine Gedanken und Grüße als schnelle, aus wechselnden Hotels auch schnell gefaxte Zeichnungen geschickt. E-mails, die keine Handschrift und kein Handzeichen mehr zeigen, waren nicht mehr seine Welt, das Fax als Postillon d’amour war ihm fix und modern genug.

Mit Dank an Uschi Höpfner-Tabori und an die Verlegerin Maria Sommer werden diese Bilder hier erstmals öffentlich gezeigt. Ab Samstagabend sind sie dann auch im Berliner Ensemble zu sehen, zur Premiere von George Taboris „Goldberg-Variationen“. Peter von Becker

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