Kultur : Liebeskummer lohnt

CHRISTIAN SCHRÖDER

Liebe ist wie Musik: vergänglich.Gefühle lassen sich nicht festhalten, erst recht nicht die ganz großen.Manchmal ist eine Liebe schon wieder vorbei, wenn sie gerade erst begonnen hat.Was bleibt, ist der Blues.Doch Liebeskummer lohnt sich.Zumindest für Musiker.Billie Holiday schmachtete in ihren schönsten Liedern über das Verlassenwerden, und Frank Sinatra nahm seine beste Platte auf, als Ava Gardner sich von ihm getrennt hatte.Nachts schlich er durch die Straßen von New York, tags sang er im Studio, wie schön es doch sei, unglücklich zu sein.Glad to be unhappy: Till Brönner kennt dieses Gefühl.Das Cover seiner neuen CD zeigt den 27jährigen Trompeter in Sinatra-Pose auf dem Times Square, vom Großstadtverkehr umbrandet und mutterseelenallein.In den Liner Notes lesen wir, daß Brönner im Frühling seinen Liebeskummer mitgenommen hatte, als er nach New York geflogen war.Das dort entstandene Album nannte er trotzig "Love", obwohl es doch von der Abwesenheit der Liebe erzählt: im weich trauernden Tenor seiner Gesangsstimme (die hier erstmals zu hören ist) und mehr noch im wehmutsvoll klagenden Ton seiner Trompete."Love" brachte dem Berliner Nachwuchsstar einen Vertrag mit dem US-Jazzlabel "Verve" ein, als einzigem Deutschen neben Barbara Dennerlein.Seine Heimatstadt liegt ihm ohnehin längst zu Füßen.Das "A-Trane" ist gnadenlos überfüllt, etliche Besucher müssen an der Tür abgewiesen werden, als Brönner mit seinem Quartett die neuen Balladen vorstellt.Melancholie liegt über dem Abend, aber eine der augenzwinkernden Art.Brönner witzelt sich durch die Ansagen, seinem Pianisten Tim Lefebvre jubelt er nach einem begeisternden Solo zu: "Alte Schweinebacke!" "Bye Bye Blackbird" spielt die Band als nervösen Hardbop, "Brazil" als einen von allen Karnevalismen befreiten Cool-Bossa.Kurz vor Mitternacht der Höhepunkt: Marika Rökks "Wenn ein junger Mann kommt", mit säuselnd sterbender Trompete am Schluß.Und an den Tischen sitzen die Paare im Kerzenlicht und schauen sich in die Augen.Liebe: schon schön.

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