Kultur : Liebesqual auf Treppenstufen

Sybill Mahlke

Der ganze Puccini leuchtet auf, wenn Maestro Fabio Luisi mit dem Bayerischen Staatsorchester das Intermezzo sinfonico musiziert, das im Zentrum der Oper "Manon Lescaut" steht. Diese bittersüße Liebesmusik, die von "Tristan"-Chromatik erfüllt ist und dabei die Merkmale der späteren Meisterwerke des Komponisten schon in sich vereint, macht aus gelangweilten Zuschauern im Münchner Nationaltheater staunende Zuhörer. Dabei verbirgt der rote Vorhang des Hauses angenehm die triste Einheitsszenerie von Wolfgang Gussmann, während die Orchestersinfonie zur Siegernummer der Oper aufsteigt. Es ist die Erfindungsbegabung Giacomo Puccinis, die auf die Interpretenbegabung seines Landsmanns Luisi trifft.

Ist Andreas Homoki, dem designierten Nachfolger Harry Kupfers als Chefregisseur der Komischen Oper Berlin, noch zu trauen? Darf man von ihm eine dynamische Zukunft des Musiktheaters erwarten? An der Bayerischen Staatsoper sucht er jetzt zum wiederholten Mal sein Heil darin, eine alte Geschichte als ein heute gültiges Geschehen anzunehmen. Naturgemäß funktioniert das immer irgendwie, weil Leidenschaft und Luxusleben, Treue und Untreue, Macht, Aufstieg und Fall übertragbare Gegebenheiten menschlichen Lebens sind. "Manon Lescaut" spielt als empfindsamer Roman des Abbé Prévost wie als Oper Puccinis unter Verwendung von mindestens vier Librettisten im 18. Jahrhundert. Schauplätze sind teils Frankreich, teils ein imaginiertes Amerika. Die Musik bezieht daraus ihre Stimmungsbilder. Manon ist ein reizendes Geschöpf von anmutiger Sorglosigkeit, das den jungen Kavalier Des Grieux herzlich liebt, sich aus Genusssucht von dem alten Steuerpächter Geronte aushalten lässt, wegen sexueller Libertinage verhaftet und des Landes verwiesen wird, um schließlich im Zwiespalt ihrer Natur unterzugehen.

Nun will Homoki, dass die bunten Lokalitäten der Handlung - französische Kleinstadt, hoch eleganter Salon in Paris, Kaserne und Leuchtturm bei Le Havre, weite amerikanische Wüsteneinsamkeit - in einem von Anfang bis Ende tristen Heute aufgehen. Dazu bedient er sich einer bühnenfüllenden Treppenlandschaft, auf der nach seinem Konzept eine "theatralisierte Abendgesellschaft" herumklettert, ab und auf und auf und ab. Es ist schwer zu begreifen, warum die gegenwärtige Opernregie ohne diese Abendgesellschaften im Smoking mit und ohne Sektkelch offensichtlich kaum noch auskommt. Von der Treppe, über der ein gewaltiger Kronleuchter herabgelassen wird und symbolisch changierendes Licht spendet, grüßt unser Medienzeitalter. Es blaut die Nacht, grell ist der Tag, dem Liebesduett wird warmes Licht geschenkt.

Background-Chor (Einstudierung vorzüglich durch Udo Mehrpohl), Männerwelt, Partyluder: Manon wechselt das kleine Schwarze ihrer bescheidenen Anfänge gegen ein schulterfreies großes Schwarzes, das ihren starken weißen Armen wenig günstig ansteht, und schreitet - weder ärmlich gekleidet noch abgehärmt, wie Puccini es sich vorgestellt hat - in dieser Abendrobe ihrem Ende zu. Da erreicht die Regie ihren einzigen starken Moment: Im Lichtkegel des Scheinwerfers, der sie in die Höhe verfolgt, tritt eine Diva ab, ein schnell verblühter Star, der nicht mehr gebraucht wird. Vor diesen Abgang aber haben die Theatergötter nach dem Willen Homoki/Gussmanns das Diktat der Treppe gesetzt, dieses unbequemsten Spielortes, der jede Personenführung lähmt. Wo die Liebe hinfällt, quält sie sich auf Treppenstufen.

Unter den gegebenen Umständen wird respektabel, nicht überragend gesungen: Kallen Esperian in der Titelrolle hat verführerisch betörende, aber auch schrille Töne, Paolo Gavanelli kämpft sich tapfer durch den Part ihres intriganten Bruders Lescaut, in der Rolle ihres unglücklichen Geliebten Des Grieux schluchzt Sergej Larin in tenoralem Schmerz. Geronte, den älteren Herrn, mit dem nicht zu spaßen ist, wenn er eine Frau bezahlt, stellt Karl Helm dar: ein guter Typ mit bewährtem Bass.

Wäre da nicht die ermüdende Szenerie! Fast beneidet man die "Abendgesellschaft", wenn sie auf den Stufen im Schlummertableau ausgebreitet liegt. Dazu heißt es verschwörerisch im Buch: "Le Havre schläft. Die Stunde ist gekommen."

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