Kultur : Liebesreigen in Manhattan

Die Komödie am Ku’damm zeigt „Das zweite Kapitel“.

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In der Komödie am Ku’damm ist die Welt noch in Ordnung. Das Stammpublikum ist braun gebrannt aus dem Sommer zurückgekehrt, im Foyer wird Bowle ausgeschenkt, Rolf Eden hat eine junge Blondine mitgebracht und auf der Bühne stehen Herbert Herrmann und Nora von Collande. Wirklich alles beim Alten. Und gespielt wird zum frühen Saisonauftakt das Stück „Das zweite Kapitel“ von Neil Simon, auch das fällt nicht in die Kategorie Experimente. Es ist eine Herbstkomödie aus den späten Siebzigern, in der die Pointen und die Protagonisten oft sitzen und die Sorgen der Manhattaner Oberschicht verhandelt werden. Regie führt Herbert Herrmann selbst, Partnerin Nora von Collande hat dazu die Kostüme geschneidert, ein Tandemprojekt also.

Die beiden teilen sich auch die Bühne von Anja Wegener gerecht auf. Im Hochparterre bewohnt von Collande ein Loft mit Designermobiliar und Skyline-Panorama, im Erdgeschoss lebt Herrmann zwischen Umzugskartons, Bücherstapeln und einem Ledersessel aus Roosevelts Zeiten. Sie gibt die geschiedene Schauspielerin Jennie Malone in gepunktetem Hosenanzug und Pumps, er spielt den verwitweten Schriftsteller George Snyder in waffenscheinpflichtigem Hemd und Turnschuhen für die Generation Silver Sex. Zwei also, die füreinander geschaffen sind. So sehen es zumindest Georges kuppelfreudiger Bruder Leo (Stefan Schneider) und Jennies flippige Freundin Faye (Yuri Beckers).

Doch weder der Aktrice noch dem Dichter ist nach einem Abenteuer, geschweige denn nach etwas Ernsthaftem zumute. Malone beklagt den Verlust ihrer jugendfrischen Jahre in der Ehe und flötet armrudernd: „Ich werde mein Liebesleben auf Eis legen!“ Snyder hingegen versucht noch immer, den Verlust seiner ersten Frau zu verwinden, während er Kunstliteratur verfasst: „Ich habe schon 300 Seiten, aber noch keine Handlung!“

Ein Verwechslungstelefonat führt die beiden dann doch zusammen. Und geradewegs in eine überstürzte Heirat nach zweiwöchiger Bekanntschaft. Womit die Probleme nicht gelöst sind, denn Snyder trägt schwer am Gepäck der Vergangenheit. Nostalgie ist hier überhaupt das Stichwort. Zwar ruft Herrmann in seiner Rolle als reiseflüchtiger Schriftsteller einmal: „Ganz Europa unterm Rettungsschirm, aber in London hat’s geregnet!“, doch das war’s mit der Aktualität. Autor Neil Simon („Ein seltsames Paar“) hat schon immer einen altmodischen, gern auch altherrenhaften Ton angeschlagen. Den behält der Regisseur bei, was gelegentlich goldig klingt. Er: „Der Vorgang wird nie einfacher.“ Sie: „Welcher Vorgang?“ Er: „Die Paarung!“

Herbert Herrmann und Nora von Collande, die gemeinsam auf Jahrzehnte intensiven Vorabendlebens blicken können, spielen das mit erfahrungssattem Charme und dem Esprit des ewigen Boulevard-Frühlings. Das Publikum amüsiert sich und so darf, bevor auch die großen Bühnen ihre Sommerpause beenden, am Ku’damm noch mal von allen Zumutungen der Gegenwart geurlaubt werden. Patrick Wildermann

Wieder vom 14. bis 18.8., 20 Uhr, sowie am 19.8., 18 Uhr.

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