Kultur : Liebeswach, lebensmüde

Romantik und Revolution – zum 200. Todestag der Dichterin Karoline von Günderrode

Rüdiger Görner

Sie war eine Dichterin zwischen Klassik und Romantik. Goethe hatte sich wohlwollend über ihre ersten lyrischen Versuche geäußert; er witterte Können und einen gewissen Drang zu klassischen Formen und Inhalten. Ariadne auf Naxos besang sie in einem Gedicht, ebenso „Buonaparte in Egypten“, den sie „die Säule der würdigeren Freiheit“ nennt. Aber Karoline von Günderrode, das verarmte Stiftsfräulein mit dem großen Herzen, war keine Winckelmann-Griechin; die Antike lieferte ihr keine Maßstäbe, sondern Stoff – zum Träumen.

Und die Romantiker? Clemens Brentano war ihr schwärmerisch zugetan, verübelte ihr aber ihren poetischen Eigensinn, ihren Drang, als Dichterin aufzutreten. Als er eine Probe ihrer Arbeiten gelesen hat, schreibt er an Karoline: „Das ganze muß eine Epoche in Ihrem Leben sein, Sie können nicht gut zurücktreten … Traurig werde ich oft, wenn ich einen neuen Schriftsteller auftreten sehe, denn es ist ein Beweis, daß die Menschen keine Freunde mehr haben, und jeder sich an das Publikum wenden muß.“ Zwar billigt er ihren Arbeiten Kunstsinn zu, aber er schränkt sogleich ein: „Das einzige, was man der ganzen Sammlung Böses vorwerfen könnte, wäre, daß sie zwischen dem Männlichen und Weiblichen schwebt, und hier und da nicht genug Gedichten, sondern sehr gelungen aufgegebenen Exerzitien oder Ausarbeitungen gleicht.“ Mit anderen Worten: All das sei kuriose, androgyn verwirrte Stiftsfräuleinpoesie.

Heute hat sie einen anderen Ruf. Die Frauenbewegung entdeckte in der 1780 in Karlsruhe geborenen Tochter des badischen Kammerherrn Hector Wilhelm von Günderrode eine historische Komplizin, ja eine Märtyrerin im Kampf um ein selbstbestimmtes Leben. Christa Wolf ließ sie in „Kein Ort, nirgends“ auftreten, ähnlich wie Hans Magnus Enzensberger mit dem (später verfilmten) „Requiem für eine romantische Frau“ ihre Leidensgefährtin Auguste Bußmann würdigte: „Requiem“ versammelt den Briefwechsel zwischen Bußmann und Clemens Brentano. Bettina von Arnim, Rahel Varnhagen, Dorothea Schlegel, Bußmann und Günderrode: lauter eigensinnige Frauen, Projektionsfiguren des Feminismus.

Damals wollte man „das Günderrödchen“ nicht ernst nehmen. Dabei entdeckte Friedrich Carl von Savigny zu seinem gespielten Entsetzen, dass Karoline noch im Januar 1804 „republikanische Gesinnungen“ habe und einen „ordentlichen Rest von der Französischen Revolution“. Er neckte sie: „Nun, es soll Ihnen verziehen sein, wenn Sie versprechen wollen, sich noch manchmal dafür auslachen zu lassen.“ So klingt der klägliche Humor eines Rechtsgelehrten.

Nach der Begegnung mit Savigny wurde bei Karoline von Günderrode dennoch die Sehnsucht nach dem Unerreichbaren wach, nach einer Ehe ohne Bürgerlichkeit und Konvention, nach einer freien Lebensgemeinschaft, die sie später vergeblich mit Georg Friedrich Creuzer anstrebte. Der war ein unglücklich verheirateter Philologe aus Heidelberg, eine unerschöpfliche Wissensquelle über Mythen und Metren, ein Gelehrter mit anfangs reger Fantasie und Leidenschaft für „die“ Günderrode, vor der ihm jedoch angst und bange wurde. Er überlebte sie, seine Leidenschaft und sich selbst um ein gutes halbes Jahrhundert und brachte es nicht über sich, in seinen Lebenserinnerungen Karoline auch nur zu erwähnen.

Günderrodes seelischer Anspruch, ihre Vereinigungssehnsucht überforderte und zermürbte Creuzer. Am Ende, nach einer letzten Begegnung mit Karoline, wusste er sich nur noch mit einem Brief zu helfen, in dem er Punkt für Punkt zwischen sich und ihr eine Grenze zog. „Punkt vier“ des einseitigen Keuschheitskontraktes lautete: „Von jetzt an mußte ich meiner Empfindung gegen Dich ein Maß setzen und setzte es, mußte abmessen den Grad meiner Annäherung, oder Dein Glück oder Unglück war mir gleichgültig und ich liebte Dich nicht.“ Eine Grenze um der Liebe willen. Und Punkt fünf legte fest, „daß ein anderer Dich zum Ziele hinführe, das jede Jungfrau natürlicherweise haben muß, da ich es selbst nicht darf“.

Für Karoline von Günderrode bedeutete dieser Kodex die eine Grenze zu viel. In einem ihrer letzten Briefe gestand sie, dass sie eigentlich lebensmüde sei. „Ich fühle, daß meine Zeit aus ist, daß ich nur fortlebe durch einen Irrthum der Natur.“ Sie behielt es sich vor, diesen Irrtum selbst zu korrigieren: Grenzerfahrungen einer Liebenden, ein Tasten zwischen Erfüllung und Entsagung.

Auch wenn Karoline von Günderrode poetisch einem Panamorismus huldigte – „überall Liebe“ –, konnte es gerade für sie kein unbeschwertes Lieben geben. Immer drängte sich ihr die Frage auf: „Soll frevelnd ich dem liebsten Wunsch entsagen?“ Je aussichtsloser ihre Liebe wurde, desto mehr sah sie sich genötigt, ihre Gefühle narzisstisch zu interpretieren. Bezeichnend ist dabei, dass sie die Liebe von Narziss nicht nur als Eigenliebe wertete, sondern als ein Bekenntnis zur Treue – zu sich selbst. Narziss habe sich, so Günderrode, im Spiegel des Teiches nicht in sein Ebenbild verliebt, sondern es als Aufforderung angesehen, sich selbst treu zu bleiben und dem „Gegenstande / Dem ich mich gebe in der Liebe Bande“. Günderrodes Narziss versteht Lieben als eine Form der Anverwandlung.

Auf ihre eigene Lage bezogen, bedeutete das: Creuzer war Teil von ihr geworden. Als er den Abschied von seiner „Lina“ erzwang, war es für sie nur folgerichtig, auch Abschied von sich selbst zu nehmen. „Siehe, so konnte ich das Zarteste für Dich verletzen. Drücke es an Deine Lippen; es ist meines Herzens Blut!“ Mit diesen Worten übersandte sie Creuzer ihr „zärtliches Pfand“, ein Schnupftuch mit ihrem Herzblut.

Was ist das? Ein Ausdruck von Sentimentalität oder Märtyrertum? Karoline von Günderrodes Freitod in Winkel am Rhein im Jahr 1806 zeugte von ausgebluteter Liebe, nicht von romantischer Todessehnsucht, von verweigerter Entsagung bis zuletzt, nicht von Wertherscher Überspanntheit. Ihr wäre, und das wusste sie, auf Erden durchaus zu helfen gewesen, durch einen entschlosseneren, beherzteren Creuzer, durch Freunde, die in ihr nicht nur das Günderrödchen, sondern das gesehen hätten, was sie war: eine philosophierende Dichterin.

Sie sprach von ihrem „gemißhandelten Herzen“, sie litt an ihrer Schattenexistenz, an ihrer Weiblichkeit, ihrem Sich-inalles-einfühlen-Können. Aber sie litt auch am Kleingeistigen und allzu Beschränkten ihrer Umgebung. Deren enge Grenzen ironisierend, sprach sie von einem „pygmäischen Zeitalter, einem pygmäischen Geschlecht“, das regiere, ohne Vision, ohne Sinn für das Erträumen von Wirklichkeit. Und das mitten in der Romantik!

In dieser Spannung zwischen Anspruch und Lebenswirklichkeit lebte und litt Karoline von Günderrode, wenn sie ihr spezifisches künstlerisches Gewicht in jenen gesellschaftlichen Verhältnissen ermitteln wollte, oder wenn sie sich nach dem erlösenden körperlichen Vollzug ihres Liebens sehnte, wobei sie ihr Liebesverhältnis aber gleichzeitig „rein“ erhalten wollte. Was erträumte sich Karoline von Günderrode in diesen poetischen Visionen? Was galt ihr diese „andre Welt“? Wenn es auf diese Fragen eine Antwort gibt, dann in ihrer dichterischen Sprache.

Bei aller seelischer Drangsal war Günderrode in einer Hinsicht doch privilegiert: Als Dichterin hatte sie jenen room of her own, den abgegrenzten Freiraum, den später Virginia Woolf für die (schreibende) Frau als Grundbedingung ihrer Selbstverwirklichung reklamieren sollte.

Freiheit durch Rollenverweigerung erwirken und das Ziehen eigener Grenzen wagen: Diesen Versuch hat Karoline von Günderrode mit einer Radikalität durchgeführt, die für sie existenzielle Folgen haben musste. An diesem Experiment zerbrach sie.

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