Kultur : Liebling, bring die Kinder um

Von Denis Scheck

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute, 23.30 Uhr, Gäste: Hans Pleschinski, Jenny Erpenbeck, Jochen Missfeldt).

10. Corinne Maier: Die Entdeckung der Faulheit (Deutsch von Hanna van Laak. Goldmann, 160 Seiten, 12 Euro)

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„Angestellte und Arbeitnehmer, man belügt euch!“ Rund um diesen proletarischen Kampfruf hat die Französin Maier ein amüsantes Pamphlet über die Menschenzurichtung in Großunternehmen geschrieben, jenen Dinosauriern eines Kapitalismus, dem man den Geist ausgetrieben hat. Selten lässt sich so direkt erfahren, dass Wahrheit frei macht.

9. Sigrid Grabner, Hendrik Röder (Hrsg.): Emmi Bonhoeffer (Lukas Verlag, 147 Seiten, 16,90 Euro)

Was für ein Leben! möchte man nach der Lektüre dieses Buchs ausrufen, das biografische Zeugnisse einer mutigen Frau versammelt, die preußisch erzogen wurde, demokratisch gedacht und couragiert gehandelt hat: Emmi Bonhoeffer, die Witwe des kurz vor Kriegsende hingerichteten Klaus Bonhoeffer. Was für ein Buch! – dieser Ausruf will mir hingegen nicht so recht über die Lippen, dazu ist diese Dokumentation ein wenig zu lesebuchhaft.

8. Werner Tiki Küstenmacher, Lothar J. Seiwert: Simplify your life (Campus, 355 Seiten, 19,90 Euro)

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Wie alle Ideologien mündet auch diese Bibel der modischen Vereinfachungs-Propaganda in den schieren Irrsinn – wer sein Leben mit diesem Buch in Stromlinienform zu bringen versucht, wird sich irgendwann bei dem Satz ertappen: „Liebling, bring die Kinder um, ich kille derweil unsere Eltern.“

7. Johannes Paul II.: Erinnerung und Identität (Deutsch von Ingrid Stampa. Weltbild-Verlag, 224 Seiten, 14,90 Euro)

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Ein theologisches Gespräch und eine Attacke gegen „die Ehescheidung, die freie Liebe, die Abtreibung, die Empfängnisverhütung“ ist dieses letzte Buch des verstorbenen Papstes. Aber bei aller Pietät, hier stehe ich und kann nicht anders: Dieser Gesprächsband ist in seiner Konzeption wirr, in den Fragen peinlich devot und in den Antworten für nicht-polnische Leser jedenfalls von einem befremdlichen Patriotismus. Am Ende bleiben Wortwolken, nichts als ein hergeleiertes Rabimmel, rabammel, rabumm!

6. Jürgen Todenhöfer: Andy und Marwa (C. Bertelsmann, 192 Seiten, 16 Euro)

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Die Geschichte zweier Kinder, denen der Irakkrieg zum Verhängnis wird: Der junge amerikanische Soldat Andy verliert sein Leben, das irakische Mädchen Marwa sein rechtes Bein. Jürgen Todenhöfer spendet das Honorar für diese wahrlich herzzerreißende Geschichte – nur ändert das nichts daran, dass seine krud manipulativ erzählte Human-interest-story einfach banal ist, weil zu schlicht. Zu schlicht gedacht, zu schlicht geschrieben, um der Wirklichkeit des Kriegs auch nur entfernt gerecht zu werden. Ein richtig gut gemeintes richtig schlechtes Buch.

5. Ben Schott: Schotts Sammelsurium (Deutsch von Matthias Strobel, Ludger Ikas und anderen, Bloomsbury Berlin, 160 Seiten, 16 Euro)

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Ebenfalls wirr, aber von bereichernder Komplexität ist dieses Handbuch des absonderlichen Wissens quer durch alle Zeiten und Fachbereiche: Wenn Luxus alles nicht Notwendige, aber Angenehme ist, ist „Schotts Sammelsurium“ Luxus pur.

4. Jürgen Neffe: Einstein (Rowohlt, 496 Seiten, 22,90 Euro)

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Neffes Biographie rückt Einstein dem Leser ganz nah, ohne ihn zu trivialisieren, räumt mit einigen Mythen auf wie etwa dem vom schlechten Schüler Einstein und hält wirklich verblüffende Einblicke in den Seelenhaushalt eines Genies parat, etwa wenn er den Schürzenjäger Einstein zeigt, der reimt: "Dem Reinen ist alles rein, dem Schwein ist alles schwein." So muss man Wissenschaftsgeschichte schreiben.

3. Peter Hahne: Schluss mit lustig (Johannis-Verlag, 128 Seiten, 9,95 Euro)

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Peter Hahne ist das Duracell-Häschen der Früher-war-besser-Fraktion. Schuld am Verfall und Untergang der Bundesrepublik tragen, so Hahne, ausschließlich die Atheisten und Alt-Achtundsechziger. Stringente Argumentationen sind dabei Herrn Hahnes Sache keineswegs. Wer sich etwa auf Seite 99 über „unsinnigste Mischungen aus deutschen und englischen Wörtern“ mokiert, sollte auf Seite 102 nicht schreiben: „In den USA ist Shopping ein Event.“ Ein Buch, tauglich nur, die Existenz der Schwerkraft nachzuweisen.

2. Sabine Kuegler: Dschungelkind (Droemer, 352 Seiten, 19,90 Euro)

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Selten hat ein Titelbild den Inhalt eines Buchs so gut auf den Punkt gebracht: Recht blauäugig erzählt Sabine Kuegler die Geschichte ihrer Kindheit als Tochter christlicher Missionare bei einem Stamm in West-Papua. Ethnologische Wahrheiten wird man hier sicher nicht finden – immerhin aber die unterhaltsame Lebensgeschichte eines Menschen, der etwas Außergewöhnliches erlebt hat.

1. Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens (Rowohlt Berlin, 283 Seiten, 17,90 Euro)

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Eines jener typischen Sachbücher, deren Stoff für einen 20-Seiten-Essay reicht, denen aber, auf Buchlänge ausgewalzt, buchstäblich die Luft ausgeht. So kurzweilig von Schönburg seine steile These vom Weniger-ist-mehr illustriert, so schlagend die Einsicht, dass dieses 17,90 Euro teure Buch genau zu jenem überflüssigen Plunder zählt, den es geißelt.

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