Kultur : Liebling Herzsprung

P.v.B.

Vor fünf Jahren starb, kaum 60 Jahre alt, in Sieseby/Schleswig-Holstein der in Lodz geborene jüdisch-polnisch-deutsche Schriftsteller Jurek Becker aus Berlin. Das Ende einer viel zu kurzen Lebensreise, dem ein großes Herz und ein ungewöhnliches Talent nicht länger gewachsen waren. Zu früh, wie bei dem noch jüngeren Thomas Brasch, auch er ein Kind des Exils, erst vor den Nazis geflohen, dann vor den DDR-Machthabern: wie Jurek Becker, mit dem ihn auch Arbeiten für den Film verbanden. In Beckers lachendem Kopf mit den schwermütigen Augen hauste ja ein Kinoträumer und Fernsehliebling. Nun hat Karin Kiwus für die Berliner Akademie der Künste ein schön illustriertes Gedenkbuch als Hommage à Becker komponiert und herausgegeben: „Wenn ich auf mein bisheriges zurückblicke, dann muss ich leider sagen“, Untertitel „Jurek Becker 1937-1997“ (Eigendruck der Akademie, 238 Seiten, 18 €). Der Band gleicht dem Katalog zu einer Ausstellung, die es (noch) nicht gibt, denn Karin Kiwus präsentiert viele nie gesehene Manuskript-Faksimiles, Briefe, Postkarten , die aus den 18000 Blatt Nachlass stammen, die das Jurek-Becker-Archiv der Akademie bewahrt. So lesen wir in noch ungelenker Kinderschrift die Erklärung „an Eidesstatt, daß ich nach Angaben meines Vaters am 30.9.37 in Lodz geboren bin. Meine Mutter ist im Konzentrationslager gestorben. Georg Becker“ (mit Stempel vom Amtsgericht Berlin-Mitte). Ein paar Seiten weiter das Typoskript einer Liebesgeschichte des abgebrochenen Philosophiestudenten, sieben Jahre, bevor sein erster Erfolgsroman „Jakob der Lügner“ erscheint. Einige der späten Fotos zeigen ihn mit seinem inzwischen gleichfalls verstorbenen Verleger Siegfried Unseld, der anlässlich von Beckers „Amanda Herzlos“ im Jahr vor dem Tod des Autors fragt, warum für die deutsche Literaturkritik „das Heitere so oft verpönt und das Unterhaltende nur unterhaltend“ sei (Unser Bild aus dem Buch: J.B.’s Ankündigung einer Lesung am Oberlin College in Ohio/USA).

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