Kultur : Lieblingsspiele, Liebesspiele

Filme von Bernardo Bertolucci, Noémie Lvovsky und Sofia Coppola auf dem Festival in Venedig

Jan Schulz-Ojala

Die Frau liegt auf dem Rücken im Wasser, wie eine ertrunken Aufgetriebene, die Arme weit über den Kopf gestreckt: ein Körper, weiter nichts. Vom Rand des Bildes und des Beckens trudelt sie langsam in die Mitte, schlafendes Tier, toter Mensch: ein Körper, weiter nichts. Der Mann lauert am anderen Beckenrand, den Mund unter der Wasserlinie, die Arme aufwärts weggespreizt: ein Körper, weiter nichts. Und gleitet, Riesenskarabäus, Wassersalamander, Sinnenspinne, todesstill und ohne Lidschlag in diese Mitte: ein Körper, der einem Körper entgegentreibt, weiter nichts.

Die Pool-Szene. Schon ganz früh ist sie in diesem Film, und erzählt alles. Dass es nicht nur nicht gut, nein, dass es ganz furchtbar ausgehen wird unter der ewigen Sonne von Twentynine Palms. Alles treibt da aufeinander und einem Ende zu und erklärt sich durch sich selbst. 29 Palmen hat das Kaff Twentynine Palms in der kalifornischen Wüste. In einem Motel mit kleinem Swimmingpool in Twentynine Palms haben der Mann und die Frau Quartier genommen. Und „Twentynine Palms“ heißt der erste amerikanische Film von Bruno Dumont. Alles ist still wie in Twentynine Palms und plötzlich brüllend laut wie in Twentynine Palms und in allen Filmen von Bruno Dumont („La vie de Jésus“, „L’humanité“). Und alles ist wirklich. Hyperwirklich. Die Leute haben auch wirklich Sex miteinander in den Filmen von Bruno Dumont. Kann schon sein, dass sie dabei schreien. In „29 Palms“ schreien sie. Das kommt davon, dass sie leben.

Manche Filme dieses Festivals hätten eine „Rauheit, die manche Moralisten erbleichen lassen“, hatte dessen Direktor Moritz de Hadeln schon früh gewarnt; aber man werde sich deshalb keineswegs „zum Richter aufschwingen über das, was das zeitgenössische Kino beschäftigt“. In Venedig hat das Pressepublikum gelacht und geklatscht über die Rauheit, mit der der Mann (David Wissak) und die Frau (Katia Golubeva) zueinanderkommen, im Pool, im Hotel, zwischen den Felsen in der Wüste. Hat den Schrecken weggelacht über dieses tierisch sexhungrige Paar, das da mit einem Riesen-Stationwagon Touren durch die Wüste unternimmt, dieses Zufallspaar, das – sie Russin, er Amerikaner – sich sprachlich nur rudimentär auf Französisch verständigen kann. Hat gelacht und geklatscht, bis der wirkliche Schrecken kam: einer, von dem man träumt, einer in Szenen, die einen jagen, einer, den man einspeisen wird in sein Gedächtnis der Bilder.

Kein Skandal, nein, ein Meisterwerk der Reduktion und Explosion. Nicht die Strecke Paris-Texas hat dieser Regisseur zurückgelegt wie sein ferner Bruder Wim Wenders, sondern vom nordfranzösischen Bailleul, der trostlosen Provinzwüste seiner bisherigen Filme, ins Joshua Tree Desert. Und zugleich zwei Jahrzehnte weiter, wilder, verlorener, (selbst-)mitleidloser, in einem heißkalten, seelennackten Kammerspiel unter unbarmherzig freiem Himmel.

Nackte Menschen zeigt auch Bernardo Bertolucci in seinen viel diskutierten „The Dreamers“. Auch er lässt seine Helden Dinge tun, die Moralisten womöglich erbleichen lassen – und doch wirkt sein Kammerspiel in einer Pariser Altbauwohnung neben „Twentynine Palms“ wie ein nostalgisches Divertimento. Damals, 1968, sagt der Regisseur. Meine Jugend. Die nachgeholte Jugend jenes Jahrhunderts. Unsere Jugend. Und in ihrem Zeichen stehen wir doch alle noch heute. Theo (Louis Garrel), seine Zwillingsschwester Isabelle (Eva Green) und Matthew (Michael Pitt) sind – wie man heute sagen würde – Filmfreaks. Kennen gelernt haben sie sich im Frühling 1968 bei einer Protestaktion gegen die Entlassung des legendären Chefs der Cinémathèque Française, Henri Langlois, und weil die Eltern der Geschwister ein paar Wochen Ferien am Meer machen, zieht das eher infantile als infernale Trio kurzerhand zusammen. Ihr Lieblingsspiel: Filmszenen nachspielen und auch raten (aus „Bande à part“, aus „Scarface“, aus „Königin Christine“) und sich dann, bei Nichterkennen, Strafen ausdenken, Liebesspiele zum Beispiel.

So muss Theo einmal vor dem berühmten Marlene-Dietrich-Foto aus dem „Blauen Engel“ onanieren. Oder Isabelle und Matthew müssen vor Theos Augen miteinander schlafen, und, wie sich erweist, für die schöne Isabelle ist es das erste Mal. Denn die fast inzestuösen Zwillinge leben wie verpuppt in einer Welt aus Zitaten, ja, sie sind in der Elternwohnung wie noch gar nicht für die Welt geboren. Sie ziehen Matthew hinein und er zieht sie hinaus und sie ihn wieder hinein. Und irgendwann – Isabelle inszeniert gerade den Selbstmord aus Bressons „Mouchette“ – fliegt ein Stein durchs Fenster. Draußen tobt die Demo und, endlich, das Leben. Ein allerliebster Film, am allerliebsten für Cineasten natürlich. Nur das 1968, von dem er zu erzählen vorgibt, benutzt er allenfalls als Klammer für eine wiederum zitathafte Obsession – wie aufblickend zu Truffauts „Jules und Jim“ und Bertoluccis eigenem „Letzten Tango in Paris“ (1972). Schöne Bilder von jungen Körpern mögen den sexuellen Aufbruch jener Zeit plakativ widerspiegeln, nicht jedoch ihren rasenden, kollektivquälerischen Selbst- und Weltverbesserungswahn, der den Keim von Extremismus und Terrorismus schon in sich trug. Mit anderen Worten: Ein bisschen mehr Jean Eustache wie in „La maman et la putain“, und schon hätte einen der Film wirklich gepackt. Nur wäre er dann kein Bertolucci mehr gewesen.

Noch mehr Sex gefällig? Kein Problem. Vor allem die sexuelle Anziehung zwischen älteren Herren und jungen Mädchen ist eines der Leitmotive dieser Filmfestspiele – und das nicht nur unter älteren männlichen Regisseuren wie Jacques Doillon (vgl. Tsp. vom 30.8.). Mit Noémie Lvovsky und Sofia Coppola blicken gleich zwei Regisseurinnen auf dieses nicht mehr ganz taufrische Kunst- und Lebensthema. Und wie das Kino manchmal so spielt: Die eine macht aus dem Alleszeigen nichts und die andere aus dem Nichtausleben alles.

In „Les sentiments“ von Noémie Lvovsky, die mit „Oublie-moi“ (1995) einmal sehr wild und, darf man so sagen, nachachtundsechzigerisch angefangen hatte, finden ein charmant lebensmüder Landarzt (Jean-Pierre Bacri) und seine blutjunge, frisch eingezogene Nachbarin (Isabelle Carré) einigermaßen plötzlich zusammen. Zwangsläufig nehmen die betroffenen Ehepartner (Nathalie Baye, Melvil Poupaud) sowie die Ehen selbst dabei Schaden. Die Ehebrecher spielen das ebenso hübsch und belanglos wie die Gelackmeierten; und dass die tatsächlich Gelackmeierten bald die Ehebrecher selber sind, ist auch nichts Neues unter der Kinosonne.

Sofia Coppola dagegen ist mit „Lost in Translation“ ein leiser Coup gelungen, eine romantische Komödie im wiedergefundenen Wortsinn – und dem Film dürfte eine ebenso große Karriere bevorstehen wie seiner Regisseurin, der erst 32-jährigen Tochter des großen Francis Ford Coppola. Bob (Bill Murray), ein bekannter US-Schauspieler, dreht in Tokio einen Whisky-Werbespot – und schon der Minimalismus, mit dem Murray vor der japanischen Kulisse zu fremdeln versteht, ist wunderbar komisch. Romantisch und zart dagegen seine Beziehung zu Charlotte (Scarlett Johansson), der jungen Frau eines Jungstar-Fotografen. Ein paar Tage verbringen Bob, der eine Art stillen Urlaub von seiner ihm fremd gewordenen Familie nimmt, und Charlotte, deren Mann sich überstürzt für ein Foto-Shooting verabschiedet, in Tokioter Restaurants, Karaoke- Bars und in ihrem Luxushotel. Und sie kommen sich näher und näher.

Sex? Sorry, kein Sex. Nur eine Wärme, eine schöne Trauer umeinander, der sich die beiden irgendwann nicht mehr entziehen. Was Bruno Dumont imponierend rückhaltlos herausschreit, dieses Einanderliebenmüssen auf der Wüste namens Erde: Hier, lost in translation, entlädt es sich in einem Flüstern, das jeder für sich selbst versteht.

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