Lieblingsstück (7) : Ein Ring, sie ewig zu binden

Berlin hat 170 Museen. In den Ferien ist Zeit für Entdeckungstouren. Heute: Nicola Kuhn über eine absurde Bronzeskulptur auf der Potsdamer Brücke.

Man könnte ihn glatt übersehen, wie er da zu Füßen der Passanten liegt. Wer ihn aber einmal entdeckt hat, schaut immer wieder hin: zum Ring, unten am Geländer der Potsdamer Brücke. Er trumpft nicht auf wie meterhohe Aluminiumwürste oder stählernes Getürm. Nein, dieser Ring unterläuft jegliche Erwartung.

Vor fast einem Vierteljahrhundert brachte ihn der Künstler Norbert Radermacher am Kreuzungspunkt von Landwehrkanal und Potsdamer Straße an, kurz vor dem Kulturforum. Damals zeigte die Nationalgalerie die Ausstellung „Kunst in der Bundesrepublik. 1945 – 1985“, der junge Berliner Bildhauer bespielte den Außenraum. Von seinem neben dem Miesvan-der-Rohe-Bau platzierten Skulpturenpaar „Der Turm und der Bauer“ ist nichts geblieben. Die steinernen Schachfiguren am Wegesrand sahen wie Poller aus, bei Bauarbeiten verschwanden sie. Auch dem Bronzering widerfuhr dieses Schicksal bei einer Brückensanierung. Doch ein Kunstmäzen gab ihn ein zweites Mal bei der Berliner Bronzegießerei Hermann Noack in Auftrag.

Nun liegt, ach was, hängt der Ring also wieder da, als hätte er eine Funktion im städtischen Raum. Zwar scheint es, als ob die Bronze das genau an dieser Stelle unterbrochene Geländer zusammenhält, doch es ist genau umgekehrt: Das Geländer stützt den Ring. Auf einen Widerspruch weist auch die Tatsache hin, dass der Ring die gleichen Maße wie jener rot-weiße Rettungsreifen hat, der nur wenige Meter weiter am Brückenübergang befestigt ist. Der Plastikreifen soll Ertrinkende retten, der Bronzering würde sie in die Tiefe reißen.

So ist vom Bronzering nicht viel zu erwarten. Er hält für den aufmerksamen Passanten einen Moment lang die Zeit an, indem er auf die Widersprüche des Alltags verweist, als Stadt-Zeichen. Und doch misst er sich mit den anderen Monumenten im urbanen Raum. Einst war die Potsdamer Brücke von vier Bronzedenkmälern bekrönt, die Helmholtz, Siemens, Gauß und Röntgen zeigten. Auch das Geländer war anspruchsvoller gestaltet. Radermacher erinnert an die alte Pracht, indem er das gleiche Material wie damals für sein „Denkmal“ wählt. Der Fluss der Zeit ist über die Brücke hinweggegangen, doch unten fließt es wie immer.

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