Lieblingsstück : Das magische "E"

In unserer Sommerserie gingen wir auf Entdeckungstour durch Berliner Museen. Zum Finale: Peter von Becker besucht das Buchstabenmuseum in der Leipziger Straße.

Wer kurz nach der U-Bahnstation Jerusalemer Straße Richtung Spittelmarkt an der Rückseite des zwanzigstöckigen Plattenbaus Leipziger Straße 49 entlanggeht, glaubt auf ein wunderliches Dekorationsgeschäft zu stoßen. Oder soll das, was man durch die galerieartige Glasfront erblickt, der Spezialfundus eines Theaters oder Filmstudios sein, oder gar: eine spätdadaistische Installation?

In den zwei Erdgeschossräumen lagern nebeneinander, übereinander, hintereinander verschiedenfarbige Schriften. Genauer gesagt: Es ist ein Meer von mal dreißig Zentimeter großen, mal meterhohen Buchstaben. Zwei kluge, enthusiastische Damen haben das alles gesammelt und schmeißen den Laden. Der Laden, das ist das Schaudepot des ersten Buchstabenmuseums der Welt. Gegründet haben es die aus Wien stammende Designerin Barbara Dechant und ihre Berliner Partnerin Anja Schulze, im Hauptberuf zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Stadtmuseums. Aber das eigentliche Buchstabenmuseum ist noch im Aufbau, es bräuchte viel größere Räume und öffentliche Unterstützung, dafür soll ein gemeinnütziger Verein sorgen.

Also lagern die fabelhaften Funde im provisorischen Lettern-Laden oder noch in Barbara Dechants Privatwohnung. Im Depot prangt das grüne „A“ vom ehemaligen Ost-Berliner Hauptbahnhof, dort blinken verchromte, neonerleuchtete Daimler-Chrysler-Zeichen, der berühmte blaue „Zierfische“-Schriftzug von der ehemaligen Aquarienhandlung am Frankfurter Tor wurde gerettet, ebenso die insgesamt zwölf Meter breiten, je 100 Kilo schweren Fassadenlettern des KudammKaufhauses Wertheim. Jedes Stück ein Exempel besonderer Alltags-Kulturgeschichte. Ich frage in diesem schönen Buchstabensalat nach einem fast schäbigen, nur pappegerahmten „E“, aus dem weißes Styropor quillt und das sonderbar rußige Schmauchspuren zeigt.

Es ist das Original-„E“ des versalen Schriftzugs am Pariser Kino „Le Gammar“ aus Quentin Tarantinos (in Babelsberg gedrehtem) Meisterwerk „Inglourious Basterds“ – mit den Spuren der finalen Explosion. Ganz klar: unter all den Schätzen ein Kultstabe. Es ist meine Lieblingsletter an diesem Ort, der nur nach Vereinbarung und sonst per Anmeldung an jedem zweiten Samstag im Monat besichtigt werden kann (www.buchstabenmuseum.de).

Inzwischen kommen die Interessenten auch aus Japan und Finnland – doch trotz hunderter seltener Schriften fehlt dem werdenden Museum noch immer der Buchstabe „X“. Besitzer bitte melden!

Unsere in der Serie vorgestellten Berliner Lieblingsstücke: der Sarotti-Mohr im Tempelhof-Museum (19. 7.), ein Stadtmodell im Märkischen Museum (24. 7.), ein Schachbrettschild im Bayerischen Viertel (26. 7.), die Düsseldorfer Gaslaterne in Tiergarten (1.8.), die Südseeboote (3. 8.) und eine Bambusröhrenzither (10. 8.) im Ethnologischen Museum Dahlem, die Plasmakugel im Technikmuseum (5. 8.), eine Bronzeskulptur auf der Potsdamer Brücke (13. 8.), ein Barnett Newman-Gemälde in der Neuen Nationalgalerie (16. 8.), eine Marmortafel im Centrum Judaicum (21.8.) und die Entnazifizierungs-Fragebögen im Alliiertenmuseum (23.8.)

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