Kultur : Lied im goldenen Schnitt

So traumwandlerisch: Thomas Quasthoffs „Romantic Songbook“

Christine Lemke-Matwey

Nein, wir führen jetzt bestimmt nicht Klage darüber, wie unmöglich, unauthentisch, vollkommen anachronistisch, irgendwie amerikanisch und letztlich indiskutabel (nach heutigen Begriffen) dieses Programm doch ist. Aus jedem Dorf ‘nen Hund, ganz wie es das Publikum früher geschätzt hat, und obendrein noch die abgenudeltsten Lieder: Schuberts „Heidenröslein“ und „Forelle“, Schumanns „Widmung“, Mendelssohns „Auf Flügeln des Gesanges“, Wolfs „Storchenbotschaft“ und Strauss‘ „Zueignung“. Einzig Carl Loewe fällt hier mit „Odins Meeresritt“ und „Tom der Reimer“ gepflegt aus dem Rahmen – was eher eine Frage der Gattung und so zu erklären ist, dass die Ballade mit ihren epischen Längen, ihrem mystisch verbrämten Realismus schon länger komplett aus unserer Zeit gefallen zu sein scheint.

Wenn man so will, dann präsentiert der 44-jährige, gerade „Grammy“-geehrte Thomas Quasthoff in seinem neuen Album „A Romantic Songbook“ nichts anderes als Hits, Schlager- und Lieblingslieder. Das mag nicht sonderlich zeitgemäß sein und gewiss auch dem dernier cri unter den Musik-Marketing-Strategien gehorchen (der Künstler – wie zuletzt die Pianistin Hélène Grimaud – trifft seine ganz „persönliche“ Auswahl und begegnet dem Kunden und Käufer sozusagen wie im Wohnzimmer), aber es ist legitim. Weil es per se ein Bekenntnis ablegt zur Klassizität eines in diesem Fall gefährdeten Genres, weil es, noch bevor ein einziger Ton erklingt, ruft: Seht, hört her, in dieser Musik, bei diesen Dichtern, diesen Komponisten fühle ich mich zuhause, hier bin ich geborgen.

Prompt stimmt Quasthoffs Wunsch-Repertoire fast nahtlos mit unserem (bislang geheim gehaltenen) überein: Schuberts „Forelle“, ja, aber auch das todessehnsüchtig gaukelnde „Im Frühling“, Schumanns „Widmung“, gewiss, aber aus Opus 25 unbedingt noch „Du bist wie eine Blume“, Strauss‘ „Zueignung“, natürlich, aber nicht ohne „Allerseelen“ oder „Morgen!“. Lieder, die die eigene Welt bedeutet haben und wieder bedeuten dürfen, im Kleinsten und Schönsten.

Ein paar Dinge gilt es dennoch zu bedenken. Zum einen darf der Bildungsauftrag dieser CD ganz sicher nicht unterschätzt werden. Der geübte Liederabendgänger mag sich nach Jahren und Jahrzehnten größtmöglicher Authentizität und gründlichster archäologischer Kärrnerarbeit daran freuen, wenn ein Programm einmal nicht nur historisch Verbrieftes, Vollständiges und stilistisch-aufführungspraktisch Wasserdichtes versammelt; derjenige aber, der weder die „Forelle“ noch die „Zueignung“ kennt, wird für jeden leichtgewichtigeren, loseren, freundlich-kulinarischen Rahmen dankbar sein. Eine gute Tat also. Zum anderen aber haben just diese Anmutung und nette Auswahl auch unüberhörbare Konsequenzen für die Interpretation. Und das ist die Crux.

Noch einmal: Wer die „Forelle“ hier und heute durch Thomas Quasthoff und seinen Begleiter Justus Zeyen kennen und vielleicht sogar lieben lernt, der fragt zuallerletzt danach, wie hier gesungen und gespielt wird. Dem Naiven geht es einzig ums Ergriffenwerden, ja Ergriffensein. Wer Schuberts Vertonung allerdings im Vergleich hört und im gewaltigen Echoraum ihrer Interpretation (zumindest seit Erfindung der Schallplatte), mal mit der Stimme des jungen Fritz Wunderlich, mal mit der der Sopranistin Elisabeth Schumann, mal mit Brigitte Fassbaender oder Dietrich Fischer-Dieskau, der dürfte von Quasthoffs Aufnahme leise enttäuscht sein. Wo bleibt bei ihm die Kühnheit des jungen Schubert, so fragt man sich, wo der doppelte Boden, die Fiesheit des Liedchens, das doch nichts anderes beschreibt, als dass das biedermeierliche Künstler-Ich sich kunstmachend und von höchster Weltwarte aus an einem ziemlich ekelhaften Geschehen delektiert? Ähnlich harmlos gerät übrigens auch das „Heidenröslein“. Romantischer Liedgesang im goldenen Schnitt und als Zugeständnis an böse alte Klischees?

Vielleicht wissen Thomas Quasthoff und Justus Zeyen aber auch einfach nur zu genau, wie sie was tun. Quasthoff artikuliert und phrasiert, wie man perfekter, disziplinierter kaum phrasieren und artikulieren kann. Traumwandlerisch sicher erkundet sein resonanzreicher, bisweilen fast zärtlicher Bass-Bariton alle erdenklichen Klangräume, und das Klavier scheint zu jedem Liebesdienst, jedem Verschmelzungsakt bereit. Was fehlt, ist das Selbstverständliche, das anarchisch Einfältige und urwüchsig Simple, aus dem heraus alles Dialektische, Gebrochene und also: Zeitgemäße das Haupt erst zu erheben hätte. Nur selten fällt Quasthoff so überzeugend, so schlicht und still aus seiner Rolle als ehrgeiziger Gestalter wie in Schumann/Heines „Du bist wie eine Blume“. Dem Zweck des Albums mag dies dienlich sein. Die Kunst aber will mehr davon.

Quasthoffs „Romantic Songbook“ erscheint heute bei der Deutschen Grammophon.

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