Kultur : Lieder, direkt aus der Hölle

MARC DECKERT

Als zum letzten Mal eine deutsche Popgruppe den Grammy gewann, endete die Sache mit einem Skandal.1990 wurden Rob Pilatus und Fab Morvan alias "Milli Vanilli" aufgefordert, ihren Grammy zurückzugeben.Die wichtigste Auszeichnung der Musikbranche wurde ihnen nachträglich aberkannt, als sich herausstellte, daß das Duo auf seinen Platten gar nicht selbst gesungen hatte.Dieses Schicksal wird der Band Rammstein sicherlich nicht widerfahren.Und das, obwohl sie gerne Skandale verursacht.Gerade wurde die Gruppe, deren Mitglieder aus Berlin und Schwerin stammen, in New York für einen Grammy in der Kategorie "Best Metal Performance" nominiert.Daß die Jungs selbst singen und ihre Instrumente selbst spielen, daran besteht kaum ein Zweifel.

Nicht wenige Pop-Kritiker sind allerdings der Ansicht, daß die Band das Singen und Texte schreiben durchaus anderen überlassen sollte.Neben Gewaltphantasien und expressionistischen Klein-Oden wie der Strophe "Ich möchte deine Träne reiten / übers Kinn nach Afrika / und zwischen deinen Schenkeln suchen / nach dem Schnee vom letztem Jahr" ist Rammstein vor allem für pyrotechnische Errungenschaften bekannt.Zudem provoziert die Gruppe gerne, und das gelingt ihr auch: zuletzt mit einem Video, in dem sie Leni Riefenstahls Olympia-Film mit marschierenden Computerbeats und ihrem unnachahmlichen Teutonen-Drohgesang kombinierte.In England schlug ihr dafür der offene Haß entgegen, vor allem von Musikerkollegen.In Deutschland schlug der Band eher offenes Gähnen entgegen.Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Inhalten kam kaum in Gang, vermutlich weil sich bereits jeder an Rammsteins kalkulierte Provokation gewöhnt hatte.

In Amerika liegen die Dinge etwas anders.Dort liebt man Rammstein.Allein von der letzten CD "Sehnsucht" wurden in den USA 700 000 Exemplare verkauft.Seit vor zwei Jahren der Regisseur David Lynch einige Exzesse im Showdown seines Films "Lost Highway" mit Rammstein-Songs unterlegte, umgibt die Band in den USA eine geheimnisvoll-faszinierende Aura, die sie eigentlich nicht verdient hat.Die Amerikaner erfaßten den Brachial-Habitus der Muster-Teutonen, ohne die einfältigen Texte verstehen zu müssen.Gerade das Fremdartige dürfte ihre Aufmerksamkeit erregt haben.Rammstein steht durchaus in einer Reihe mit Phänomenen wie den urarischen Bodybuildern Ralph Möller oder Dolph Lundgren, die kurzzeitig als Hollywood-Bösewichter gefragt waren.Immerhin haben auch die Mitglieder von Rammstein ganz schöne Muskeln, und ihre Sprache klingt so seltsam kantig.

Zusätzlich steht die Band für etwas Dunkles, Bösartiges, Unkontrollierbares.Das erinnert schon sehr an die Protagonisten neuerer Superhelden-Comics, die in den USA in letzter Zeit besonders gut ankommen.Etwa an den finsteren "Spawn", der in den letzten Jahren traditionellen Muskelpaketen wie Superman oder Batman den Rang abgelaufen hat.Er kommt direkt aus der Hölle und ist stets von Ketten und ein wenig Pyrotechnik umgeben, genau wie Rammstein, die auf der Bühne eine Art 90er-Jahre-Version von Dantes Inferno inszenieren und sich mit ihren Masken und Metallprothesen wie postapokalyptische Halbzombies aufführen.Man mag es als ironische Fußnote der Popgeschichte sehen, daß die Rammstein-Rezeption der Amerikaner nicht nur vollkommen unschuldig ist, sondern möglicherweise auch die einzig richtige Weise, sich dieser Gruppe zu nähern.Denn eine kontroverse Band, wie man in Deutschland kurzzeitig dachte, war Rammstein ja nie.Es handelte sich immer um Comicfiguren oder muskelbepackte Teutonen-Darsteller.Nur die Amerikaner haben das wirklich verstanden.

Daß Rammstein nach über zwei Millionen verkauften Alben nun für einen Grammy nominiert wurde, ist kaum verwunderlich.Schließlich wurde bei den Grammys noch nie musikalische Innovation belohnt.Im entscheidenden Wahlkommittee sitzen keine Rockmusikfans, sondern Leute aus der Industrie und Rockmusikfunktionäre.Immerhin änderte die National Academy of Recording Arts and Sciences, die den Grammy alljährlich vergibt, vor zwei Jahren die Nominierungsregeln, um jungen Musikern bessere Chancen einzuräumen.Mit Erfolg: Letztes Jahr wurde man auf das aufstrebende Talent Bob Dylan aufmerksam und verlieh ihm umgehend den Grammy für das beste Album.In diesem Jahr scheint sich nun tatsächlich einiges verändert zu haben.Nicht nur wurden in den wichtigen Kategorien ("Best Album", "Best Song") nahezu ausschließlich Frauen nominiert - die junge HipHop-Sängerin Lauryn Hill immerhin zehnmal -, es wurden auch halbwegs innovative Platten nominiert.Neben Lauryn Hills "The Miseducation of..." unter anderem eine Dance-Single: Madonnas "Ray of Light".Daß mit Rammstein eine deutsche Band auf der Liste auftaucht, muß man ebenfalls als mutigen Schritt betrachten, paradoxerweise sogar als Schritt hin zu einer "jüngeren", wirklich aktuellen Popkultur.Ohne daß wir das Kommitee dafür allzusehr loben wollen.

Neben der Vergabe der Grammys widmet sich die Academy of Recording Arts in jüngster Zeit vor allem sozialen und kulturellen Anliegen wie der Musik-Erziehung amerikanischer Kinder.Die Academy wurde auch zum wichtigsten Fürsprecher moderner Formen der Musiktherapie - also der Behandlung psychischer und körperlicher Leiden mit Hilfe von Musik.Hier aber würde uns vor allem interessieren, welche Wirkung das Vorspielen von Rammstein-Songs wie "Bück dich", "Tier" oder "Bestrafe mich" auf den Heilungsprozeß psychisch labiler Menschen hat.Vielleicht sollte man auch die Mitglieder der Academy zwingen, sich vor der Preisverleihung am 24.Februar einmal ein ganzes Rammstein-Album anzuhören.Wenn die Band dann tatsächlich einen Grammy gewinnt, ist die Academy vielleicht doch nicht zu retten.

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