Kultur : Lieder für viele Inseln

Aus der Tiefsee über die Alpen: Björk erzählt auf „Volta“, wie die Welt zu retten ist

Kai Müller

Es geht hinaus. Wohin? Aufs Meer vielleicht. Das tiefe Bröööööhhhmmm der Nebelhörner, das Rattern und Schnaufen der Schiffsmaschinen jedenfalls deuten die Ferne an, auf die sich das Ohr einstellen muss, um Björk auf ihrer sechsten musikalischen Solo-Reise „von Insel zu Insel“ zu folgen. „I am leaving this harbour“, singt die kleine ernste Person, flüstert es beinahe, während ein Drumcomputer Gischtfontänen aufspritzen lässt. Die Bewohner der Städte, wispert Björk und steigert sich in eine atemlos-schneidende Emphase hinein, seien zu versessen auf Gott. „Ich habe meine Herkunft verloren / Und ich will sie nicht wieder finden / Eher schon überlasse ich mich den Naturgesetzen / Und werde von den Pranken des Ozeans fortgetragen.“

In diesem Song gewordenen Aufbruch namens „Wanderlust“ steckt das ästhetische Programm, dem die Künstlerin sich für „Volta“, ihr neues Studioalbum, verschrieben hat. Oder besser: dem sie nachgegeben hat. Denn so besonnen, streng und energisch Björk stets die Kontrolle über sämtliche Schaffensphasen ihrer Platten behält, so unaufhaltsam werden der technophilen Mystikerin die musikalischen Stimmungen vorgegeben, die sie lange schon in ihrem Kopf hört, bevor der erste Ton tatsächlich gespielt ist. Die Sehnsucht nach Bequemlichkeit ersticke die Seele, singt sie, „I feel at home, when the unknown surrounds me“. Was ihr fremd ist, macht sie zu ihrer Heimat.

Daran hat sich die 42-jährige Björk Gudmundsdottir, die in Reykjavik in einer Hippie-Kommune aufwuchs und mit zwölf ihr erstes Album einspielte, stets gehalten. Ihre Reputation als Hoffnungsträgerin einer Avantgarde, die sich mit dem Massengeschmack verschwistert, verdankt sich ihrer nahezu manischen Suche nach ungewöhnlichen Ausdrucksmöglichkeiten. Zuletzt veröffentlichte sie mit „Medulla“ ein A-capella-Album, das jedem anderen Popmusiker die Karriere zerstört hätte. Sie aber verkaufte so viele Exemplare wie nie zuvor. Trotzdem hängt solchen Grenzgängen immer auch der Ruch einer Kunst an, die sich nur um sich selbst kümmert, aber nichts zu erzählen hat. Björk überwältigt einen mit der Hingabe an ein Gefühl, das sich mit seinem Anlass erledigt haben könnte.

Die Ursprünge des sechsten Björk-Albums liegen in dem Filmprojekt „Drawing Restraint 9“ begründet, das ihr Lebensgefährte auf einem japanischen Walfänger in Szene setzte. In dem düster-assoziativen Bilderstrom des amerikanischen Medienkünstlers spielte das Paar seine Begegnung und eine zeremonielle Verschlingung durch, an deren Ende es sich gegenseitig Gliedmaßen abschnitt und Flossen in die Körper schlitzte. Danach tauchten sie als Wale in die Tiefsee ab. Den Soundtrack dazu, der dezent mit Bläsersätzen operierte und das Geplingel japanischer Saiteninstrumente aufgriff, schrieb Björk auch. Danach wollte sie wissen, ob man mit diesen Klängen auch Popmusik machen könne. Und man kann.

Aus Trompetenstößen, blechernen Fanfaren und hymnischen Chorälen schälen sich auf wundersame Weise immer wieder betörende Melodien. Die haben ihren eigenen Atem, ihre eigene Schichtung und filmische Dramaturgie. In der furiosen Ballade „The Dull Flame Of Desire“ über das Leuchten in den Augen des Geliebten, einem Duett mit dem Falsettsänger Antony Hegarty (Antony and The Johnsons), winden sich die Stimmen durch die wolligen Maschen eines Horn- Ensembles. In „I See Who You Are“, einer Ode an Tochter Isadora, schieben sich die Bläser wie ein Windhauch ins Bild. „Vertebrae By Vertebrae“ wird im dissonanten Beat-Gezische der Hörner zum Horror- Szenario. Und „Pneumonia“ verströmt alpenländische Echo-Romantik.

Tatsächlich ist jeder Song auf „Volta“eine eigene Insel, ein seltsames akustisches Abenteuerland. Das hat auch mit den Entstehungsorten zu tun, zu denen Björk als globalisierte Sound-Touristin reiste. In den eineinhalb Jahren der Entstehungszeit traf sie in Mali auf den Kora-Spieler Toumani Diabete, besuchte den chinesischen Pipa-Virtuosen Min Xiao-Fen und bestieg in Tunesien ein schwimmendes Aufnahmestudio – das Laptop-Zeitalter macht dergleichen Kooperationen möglich. Sie reißen folkloristische Traditionen aus ihrem historischen Zusammenhang, um sie in eine erweiterte Inspirationskette einzuspeisen.

Der prominenteste Unterstützer ist jedoch Hip-Hop-Produzent Timbaland. Zwei Songs tragen deutlich seine Handschrift und fallen mit ihrem luxuriös-bratzenden Beatgewitter denn auch ein wenig aus dem Rahmen. Nicht unangenehm. Denn bei aller maschinellen Dynamik, die der Timbaland-Groove entfaltet, bleibt er tief in der Faszination für tribalistische, arabische Rhythmen verhaftet. Der aggressiv-pumpende Beat des Openers „Earth Intruders“ schält sich aus den Schlurfgeräuschen einer ermatteten Armee. Und auch das ist eine programmatische Volte. Prophezeit Björk in dem Song doch eine undefinierbare Menschenmasse, die sich mit archaischen Kräften verbündet, um den Zweifel aus der Welt zu treiben: „Necessary Voodoo!“

Dem Sound-Regime von Timbaland hat sich Björk erfolgreich auch bei „Innocence“ entzogen. Die brutalen Stöhngeräusche des Funk-Beats und die aus übereinandergeschichteten Björk-Stimmen modulierte Melodie verdeutlichen, wie unbeirrt sie auf diesem Album an ihrer Idee, die digitale Maschinenwelt mit der biologischen zu versöhnen, festhält. Am Ende beschließt Björk ihr Werk wie eine Göttin. Im Zwiegespräch mit ihrem Geschöpf, der Musik, legt sie ihre Motive dar: „My intentions were pure.“ Mit dem Rest muss jeder selbst klarkommen.

Björk, „Volta“ (Universal).

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