Liedermacher und Aktivist : Walter Mossmann: Der Antiautoritäre

Realistisch sein, das Unmögliche verlangen: Walter Mossmann, Politbarde und Kämpfer für die Dritte Welt, hat sein Leben aufgeschrieben.

Hans Peter Herrmann

Mossmann? Ist das nicht dieser Liedermacher der siebziger Jahre und Aktivist der Anti-Atomkraft-Bewegung gewesen? 2004 waren seine gesammelten Lieder von der Kritik begrüßt worden, eine musikalische Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1960 und 1980 aus der Perspektive eines undogmatischen Linken in vier CDs. 2007 dann „Lieder und Poeme“ – und nun ein autobiografischer Bericht über den Neubeginn demokratischer Bewegungen in Westdeutschland: „realistisch sein: das unmögliche verlangen“.

Walter Mossmann also. Im Jahr 1964 mit ersten Gedichten und Chansons aufgetreten, fand er Anschluss an die amerikanische Folk- und Protestliedbewegung, setzte sich mit den proletarischen Traditionen europäischer Politsänger auseinander und lernte zudem die antifaschistische linke Politkultur Oberitaliens kennen. Beim Songfestival auf Burg Waldeck 1966 war Walter Mossmann künstlerisch und politisch bereits etabliert: aufsässig, mit einer kraftvollen eigenen Sprache. Das gibt seiner Autobiografie den weiten Horizont der internationalen Bürgerrechtsbewegungen der sechziger und der siebziger Jahre und öffnet eine erfrischende Perspektive heraus aus der erstarrten 68er-Diskussion.

Seine Erinnerungen beginnen mit einer Szene im Sommer 1961, als er, ein junger Deutscher auf Tramptour, an einem südfranzösischen Strand einen jungen Franzosen trifft. Sie entdecken ihre gemeinsamen Vorlieben in der internationalen Musik- und Filmkultur und versichern sich ihrer Aversion gegen Militarismus und Nationalismus: zwei Mitglieder der im Entstehen begriffenen internationalen Protestgeneration, die sich gegen den autoritären Charakter der westlichen Industrienationen und gegen die eigene, vom Nationalsozialismus geprägte Familiengeschichte aufzulehnen beginnt.

Bezeichnend für Walter Mossmanns Weg durch die folgenden 20 Jahre ist, dass dann nicht das Scheitern der deutschen „68er-Bewegung“ die entscheidende Zäsur bildet, sondern der Sturz und die Ermordung Salvador Allendes 1973.

In der Dramaturgie dieser Erinnerungen markiert das blutige Ende der chilenischen Demokratie das Ende eines veränderungsfreudigen „Geschichtsoptimismus“, aber zugleich den Anfang eines neuen politischen Engagements für die unterdrückten Völker der „Dritten Welt“. Auch dies eine nützliche Erinnerung, ist doch hinter den 68er-Bildern von Che-Guevara- und Mao-Schwärmereien die frühe „Dritte-Welt-Bewegung“ aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden. Mossmann fand hier eine bis heute dauernde Lebensaufgabe, wie beim zweiten großen Projekt der 70er Jahre: der Umweltbewegung.

1973 besuchte er als Fernsehreporter die erste französische Öko- und Bürgerrechtsinitiative Larzac, kurz darauf geriet er in die badisch- elsässische Anti-Atomkraft-Bewegung und deren (erfolgreichen) Kampf um das Kernkraftwerk Wyhl. Darüber hat er berühmt gewordene klarsichtige Texte geschrieben.

Um 1980 endet die Autobiografie, mit einer Rückkehr Mossmanns in die badische Heimat. Verstummt ist er damals dennoch nicht. Auch dann nicht, als er wegen eines Kehlkopfkrebses nicht mehr singen konnte. Schreibend griff er immer wieder ein, wo es darum ging, demokratische Öffentlichkeit herzustellen: bei den Verwüstungen jüdischer Friedhöfe um 1990 etwa oder beim kulturellen Brückenbau zwischen der postsowjetischen Ukraine und dem westlichen Europa.

Mossmanns Erinnerungen sind ein elegant geschriebenes, poetisches Buch mit einer anschaulichen, präzisen, oft auch witzigen Sprache, mit variierenden Erzählstilen. Ein Netz von Zitaten und Anklängen zieht sich durch den Text: Bilder und Motive des kollektiven Gedächtnisses. Stets öffnet sich die Erzählperspektive in internationale Weiten. Das erzählende Ich präsentiert sich stark, aber auch mit spielerischer Selbstdistanz, ohne bohrende Selbstanalysen. Eigene Irrtümer werden offen benannt, fremde auch. Immer wieder fallen entschiedene Urteile. „Ich mochte ihn“, heißt es mehrfach, mit dieser schlichten, schutzlosen Formel, aber bei Dogmatikern, rechten wie linken, kennt Walter Mossmann, dieser Linke mit dem tiefsitzenden antiautoritären Affekt, keine Schonung. Und auch mit den Widersprüchen von Gedächtnis und Recherche geht er offen um: Amüsiert registriert er, wenn die sorgfältigen Nachforschungen manch lieb gewordene Erinnerung korrigieren.

Walter Mossmann: „realistisch sein: das unmögliche verlangen. (Wahrheitsgetreu gefälschte Erinnerungen)“. Verlag Der Freitag, Berlin 2009, 19,80 Euro.

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