Kultur : Liegen lernen

Willkommen auf der Schlafcouch: „Screensaver“ an der Komischen Oper ist ein gut gepolsterter Ballettabend

Sandra Luzina

Den jungen Tänzern an der Komischen Oper schlafen langsam die Füße ein. Diesen Eindruck gewinnt man bei der Premiere von „Screensaver“, bei der sich das BerlinBallett zwar turnerisch verausgabte, aber künstlerisch nicht gefordert wurde. Der israelische Choreograf Rami Be’er, künstlerischer Leiter der Kibbutz Contemporary Dance Company, spielt in der im vergangenen Jahr in Tel Aviv uraufgeführten Produktion mit der Metapher des Bildschirmschoners: Vor dem medialen Overkill, den Krisen und Katastrophen wollen wir uns abschirmen – können es aber nicht. Kleine Fluchten ins Private, politischer Eskapismus? Heraus gekommen ist ein Ballettabend im Schonwaschgang. Wovon man mit 16 träumte: sich den ganzen Abend auf der Matratze zu fläzen, Rami Be’er macht es wahr. Der Choreograf hat die Tänzer ins Bett gebracht. Matratze und Bettgestell werden aber auch zu Turngeräten. Und die Erotik ist auf das Lattenrost gekommen.

Unterwegs nach Utopia

Dabei fängt der Abend so schön an: Mara Vivas in einem weiß-flaumigen Kleid, mit den flattrig-zarten Bewegungen eines Vögelchen. Eine Vertriebene aus dem Paradies, die uns durch den Abend geleitet. Die Videoprojektionen von Irit Batsry, ein Auszug aus der Trilogie „Passage to Utopia“. Bildexplosionen in grellen Farben, Zahlenspiralen in schwarz-weiß. Die Körper tauchen ein in den elektronischen Bildraum, werden überlagert und überschrieben, verschwinden fast. Zwischen den beschleunigten Daten-Zirkulationen taucht plötzlich ein Gedicht von Jehuda Amichai auf, das Rechthaberei und Intoleranz anprangert. Vogelfrau und Poesie: Sie werden von Rami Be’er unter Artenschutz gestellt. Sein Ballett ruht sich auf der Kulturkritik aus. Die Abstraktheit unserer Lebensverhältnisse, sinnliche Verarmung und Sinnverlust will der Abend reflektieren. Zu allem Überfluss taucht dann noch ein ruckelnder Astronaut auf. In seinem silbernen Raumanzug ist er ein Unberührbarer, das Böse aus dem All. Hier kippt der Abend ins Alberne.

Immer wieder müssen die Tänzer auf die Matratze – ein Ruhekissen gönnt Rami Be’er ihnen aber nicht. Zu Elektro-Lounge-Klängen sieht man zappelnde Bettgymnastik, fitnessgestählte Leiber, die nichts zum Schmelzen bringt. Die Duos gleichen einem Zustammenstoß, ein kurzes Hochstemmen und Übereinanderrrollen – dann findet sich jeder allein auf seiner Matratze wieder. Vor allem die Frauen werden manchmal zusammengeklappt wie eine funktionale Schlafcouch. Das ist nicht sehr sexy - soll es auch nicht sein.

Sex ist auch bloß Bettgymnastik

Jeder Sturz und Stoß wird abgefedert, jeder Schrecken wird abgepolstert. Seltsam schmerzfrei wirkt „Screensaver“, merkwürdig gedämpft der ganze Abend. Mag sein, dass die Tänzer resigniert haben - eine ganze Saison mussten sie schon gegen das drohende Aus antanzen. Hinter Ballettdirektorin Adolphe Binder liegt eine Spielzeit unter erschwerten Bedingungen. Nachdem Chefchoreografin Blanca Li das Handtuch geworfen hatte, musste Binder in Windeseile programmieren, mit dem Einkaufszettel die Premieren besorgen. Und im Haus stärkt keiner dem Ballett den Rücken - die Tänzer fühlen sich wie ungebetene Gäste.

Eine Metropole wie Berlin braucht eine konsequent zeitgenössische Tanzkompanie, die sich abgrenzt vom klassischen Ballett. Doch was bislang unter dem Label „zeitgenössisch“ präsentiert wurde, tendierte zur Beliebigkeit. Mit der Kompanie, die Binder zusammenhalten konnte, ließe sich etwas aufbauen. Doch es fehlen die Choreografen, die ihr Form geben und Geist einhauchen. So stagniert das Ensemble auf dem Niveau einer mittelmäßigen Turngruppe. Im Juni wird im Senat über die Zukunft der Opern und des Balletts entschieden. Die Komische Oper hat sich bislang nicht klar positioniert. Wenn der künftige Intendant Andreas Homocki weiterhin schwankt, bedeutet das: Gute Nacht, Berlin-Ballett.

Wieder am 31. Mai, 20 Uhr.

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