Kultur : Liegen lernen

Skulpturen von Franz Erhard Walther in der Galerie Kienzle & Gmeiner

Christiane Meixner

Weich waren seine Skulpturen in den achtziger Jahren: Franz Erhard Walther nahm farbigen Nessel und ließ daraus Kisten nähen, die etwas schlaff an der Wand hingen. Andere Stoffe waren ordentlich gefaltet, dünne Bänder schauten an den Rändern hervor – als könne man sich die nachgiebigen, formbaren Skulpturen irgendwie umbinden.

Auch jetzt noch lässt Walther, der viermalige Documenta-Teilnehmer und international angesehene Künstler, keinen Zweifel daran, dass seine Arbeit unmittelbar Bezug zum Körper nimmt. Man spürt es, sobald man in der Galerie Kienzle & Gmeiner steht, in der sieben neue Arbeiten ausgestellt werden: große, mehrteilige Plastiken aus einem festen Baumwollstoff in Grau, Orange oder Dunkelgrün. Fließend ist diesmal jedoch nur die äußere Form. Im Kern hat Walther sie begrenzt flexibel und widerständig gemacht. Dafür sorgt ein fester Schaumstoff, wie man ihn von Matratzen kennt.

Es mag an ihren organischen Formen liegen, den klaren oder leuchtenden Farben oder ihrer räumlichen Präsenz. Walthers seit 1990 sukzessive entstandene Serie „Die Verlangsamung der Bilder“ (Preis auf Anfrage) fordert alle Sinne heraus. Vor allem aber anfassen möchte man diese textilen Objekte, deren künftige Besitzer mit ihnen tatsächlich nach Belieben verfahren können: Jede Arbeit darf individuell gehängt, die Elemente können umgestellt oder gar auf dem Boden arrangiert werden.

Der Künstler liefert, Vorgaben macht er keine. Das lässt die Traditionslinie erkennen, in der Walther seit den frühen sechziger Jahren steht und die er als ästhetisches Programm seither konzeptionell perfektioniert: Seine Wurzeln liegen in Fluxus- und Happeningzeiten, die das handelnde Subjekt verlangten anstelle eines Konsumenten, der reglos vor der Kunst verharrt. Nicht die Skulptur steht im Zentrum, sondern ihr Verhältnis zum Raum und zum Betrachter. Und dann ist da noch der Prozess – das Sehen, Spüren, der Genuss und vielleicht auch Provokation, weil Walthers Werk zwar ausdrucksstark und dennoch immer zurückhaltender geworden ist, was den sichtbaren künstlerischen Eingriff anbelangt.

„Die Verlangsamung der Bilder“ wird Teil einer großen Werkschau des Künstlers im Genfer Musée d’Art Moderne sein, die im übernächsten Jahr stattfindet. Ob und wo die fabelhaften Objekte bis dahin noch einmal zu sehen sind, ist unklar. Da gibt es nur eines: Man muss sie jetzt anschauen.

Galerie Kienzle & Gmeiner, Bleibtreustr. 54; bis 26. Mai, Dienstag bis Freitag 14–19 Uhr, Sonnabend 11–16 Uhr.

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