Kultur : Lies und staune

ARCHITEKTUR

Bernhard Schulz

Für Überraschungen ist der Kölner Taschen Verlag immer gut: So hat er jetzt ein Buch unter dem Titel „Architekturtheorie. Von der Renaissance bis zur Gegenwart“ herausgebracht, das man in jedem Fachverlag, aber nicht notwendig bei dem Verbreiter populärer Druckwerke vermuten würde. Umso besser! Denn das in der breiten Öffentlichkeit merklich gewachsene Interesse an Architektur wird hier auf höchstem Niveau unterfüttert: mit den Traktaten und Theorien nämlich, die seit Stammvater Leon Battista Alberti um 1450 zur Baukunst aufgestellt worden sind. Das Kompendium hält sich an eine geografische Einteilung nach den Bau-Ländern Italien, Frankreich, Deutschland sowie – jeweils merklich weniger ergiebig – Spanien und England und folgt innerhalb dieser Kapitel der Chronologie. Erst für das 20. Jahrhundert wird die nationale Sicht weltumspannend aufgehoben (Taschen Verlag, Köln 2003, 29,99 €). Da stehen dann Camillo Sitte (der Theoretiker des künstlerischen Städtebaus) neben Ebenezer Howard (Gartenstadt), und selbst der Ministerrat der DDR kommt zu Wort (mit seinen „Grundsätzen“ von 1950); allenfalls wünschte man sich die ungemein vielstimmigen Debatten dieses theoriefreudigen Jahrhunderts etwas breiter dargestellt. Das Eigentliche und Preisenswerte des 845 Seiten dicken Buches aber sind die Abbildungen. Erst im Laufe der letzten 120 Jahre wurden reine Wortabhandlungen gebräuchlich. Zuvor verfügte jeder Traktat, jedes Lehrbuch über einen reichen, oft verschwenderisch kostbaren Tafelteil. Herkömmliche Geschichten der Architekturtheorie konnten kaum mehr als eine Ahnung davon bieten – der Kölner Großdrucker aber kann’s und liefert zu jeder der (auszugsweise) vorgestellten Abhandlungen reiches Abbildungsmaterial. Auch wer nicht in der Architekturgeschichte bereits bewandert ist, wird das Buch als unschätzbaren Gewinn verbuchen – denn es verführt zum Lesen, Schauen und Staunen.

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