Kultur : Liliths Lied

Russlands Regieveteran Jurij Ljubimow zeigt „Faust“ als Revue

Christina Tilmann

Sie sind für ein Spektakel gekommen, sie sollen ihr Spektakel bekommen, die russische Gemeinde in Berlin. Regisseur Jurij Ljubimow hat sich die Worte des Goethe’schen Theaterdirektors zu Herzen genommen: „Besonders aber lasst genug geschehen: Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehen“. Wie ein Dompteur hetzt er seine Darsteller durch eine 90-minütige Nummernrevue, lässt steppen, Feuer spucken, Walzer tanzen, und vor allem: singen. Da dröhnt der „Entertainer“ über die Bühne, ein Pudel hüpft davon, und zwischendrin verirren sich sogar Bach’sche Klänge. Kaum tritt etwas Besinnung ein, heizt der Direktor wieder ein: „Besonders aber lasst genug geschehen...“

Kaum zu glauben: In der Arena in Treptow, am selben Ort, an dem vor drei Jahren Peter Stein seinen zwanzigstündigen Mammut-Faust zelebrierte, bringt ein munteres russisches Völkchen Faust als Kabarettnummer auf die Bühne. Faust als Zirkusnummer. Faust als freche Komödie. Es ist keineswegs Liza Minnelli in „Cabaret“, die dort in Frack und Melone über die Bühne tanzt, sondern ein sehr diesseitiges Gretchen, die ihren Part mit dem Besen übt und am billigen Tand, den ihr Mephisto verschafft, offensichtlich höchstes Vergnügen hat. Der ebenfalls besenbewehrte und sehr exakt steppende Hexenreigen, der sie umgibt, setzt sich flugs Spitzenhäubchen auf und wird zum Engelschor. Und der melancholisch-weißlockige Faust sitzt keineswegs in staubigen Studierstuben, sondern sehr mondän am Flügel.

Unglaublicher noch: Wer sich diesen Spaß ausgedacht hat, ist kein anderer als der große russische Regisseur Jurij Ljubimow. Ein höchst agiler 85-Jähriger, der das Geschehen aufmerksam aus der ersten Reihe verfolgt und zum Schlussapplaus wie ein wirklicher Zirkusdirektor verschmitzt im Kreise seiner Darsteller steht. Und der nicht ohne Selbstironie bekennt, dass er sich durchaus auf Augenhöhe von Goethe und dessen russischen Übersetzer Boris Pasternak fühle. Sein Moskauer „Theater an der Tanganka“, das nun im Rahmen der russischen Kulturtage in Berlin und München gastiert, präsentiert sich keineswegs als Klassikertempel, sondern als höchst lebendige, gelegentlich fast alberne Bühnenshow. Arthur Miller soll über das Tanganka gesagt haben, es habe ihm den Glauben an das Theater zurückgegeben. Erlebt man die Truppe, versteht man, warum.

Sie brauchen wenig für Effekte. Da genügt Gretchens Gitterbett für finstere Gefängnisstäbe, schafft ein Rabenballett als Schattenspiel Walpurgisnacht-Atmosphäre, sorgen ein paar Takte Mondscheinsonate für Romantik im stillen Stübchen. Mephisto tritt mit dem Fuß in Valentins Zinnbecher und hat damit einen Klumpfuß, mit dem er prima steppen kann. Die Peitsche wird zum Teufelsschweif. Und Lilith darf noch, von bodenlangen blonden Locken umwallt, im durchscheinenden Quasi-Nichts auftreten. Doch Spaß hin oder her: Die Sache bleibt eine Tragödie. Denn Faust, obgleich verjüngt, bleibt viel zu alt für ein Gretchen, das selbstvergessen beim Putzen vor sich hin singt. Mitleid ist das höchste der Gefühle. Hormone waren am Werk, nicht Liebe.

Ernster, politischer wird’s im zweiten Teil, der zusammengestrichen ist auf ein paar Highlights: Kaiserhof, Homunculus, Helena und Schluss-Apotheose. Hier gibt es keinen Theaterdirektor mehr, der mit der Peitsche für Tempo sorgt. Endlos verhandelt eine sehr neureiche Gesellschaft Fragen von weltgeschichtlicher, vor allem aber innerrussischer Bedeutung. Man hört am Kaiserhof von Wechseln sprechen, von wertlosem Geld, das alle begeistert ausgeben. Das Reich sei marode, pleite, sparen heiße das Gebot der Stunde, und doch tanzen alle nur im irren Reigen. Und plötzlich sieht der weißlockige Faust aus wie Karl Marx, und der goldbebrillte Mephisto wie Wladimir Putin. Und der Traum, auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen, ist nichts als ein besonders bitterer Hohn. Faust stirbt, Choräle branden auf, eine weiße Taube fliegt gen Himmel. Ach Faust. Ach Russland.

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