Lily Dahab : Zwischen den Zeilen

Seit fünf Jahren lebt die argentinische Jazz-Sängerin Lily Dahab in Berlin. Jetzt tritt sie mit Liedern ihrer Heimat auf.

Franzsika Buhre
Wahlberlinerin. Lily Dahab. Foto: Promo
Wahlberlinerin. Lily Dahab. Foto: Promo

Als vor vier Wochen der argentinische Ex-Diktator Jorge Videla starb, verbreiteten Argentinier in sozialen Netzwerken den Text des Liedes „Los Dinosaurios“ von Charly Garcia. Der Sänger und Musiker hatte selbst unter Repressionen des Militärregimes gelitten und mit dem Dinosaurier-Verweis das Verschwinden tausender Menschen angeklagt. Die argentinische Sängerin Lily Dahab kennt dieses Lied seit ihrer Kindheit. Doch dass es nicht von ausgestorbenen Ungetümen handelt, entdeckte sie erst viel später.

Auf ihrem aktuellen Album „Huellas“ („Spuren“), das ausschließlich argentinische Lieder enthält, schwingt die Doppeldeutigkeit von Texten immer mit. „Meiner Generation waren und sind Texte wichtig“, erklärt die Sängerin beim Gespräch. „Wir verstehen die Musik von ihnen her. Und jeder Text hat eine zweite Bedeutungsebene. Die Rockmusiker öffneten den Leuten die Augen für das, was wirklich im Land geschah.“

Lily Dahab singt, solange sie denken kann. Was sie als Kind in Radio oder Fernsehen auch hört – alles wird nachgesungen. Statt mit Puppen spielt sie mit einem Kassettenrekorder, den sie vor allem als Aufnahmegerät nutzt. Ihre Großeltern, die während des Ersten Weltkriegs aus Izmir in der Türkei und Aleppo in Syrien nach Buenos Aires ausgewandert sind, geben Lily Dahab ihre Liebe zum spanischen Flamenco mit auf den Weg.

Während sie eine Musical-Ausbildung absolviert, hört Dahab am liebsten argentinische Rockmusik, etwa von Luis Alberto Spinetta oder Fito Paez. Ersterer gilt als Wegbereiter des eigenständigen Rock in Argentinien und prangert in seinen Texten gesellschaftliche Missstände an. Sein „Plegaria para und niño dormido“ ist eine anrührende Ballade über die Schutzlosigkeit von Straßenkindern. Lily Dahab beschließt mit ihrer Interpretation dieses Stückes das Album.

Als Lily Dahab eine der Hauptrollen im Musical „Cats“ spielt, kommt am Broadway „Forever Tango“ heraus. Die Erfolgsproduktion löst auch in Buenos Aires Begeisterung für die über Jahrzehnte vernachlässigte urbane Musiktradition aus. Dahab nimmt Tango-Unterricht, geht aber bald nach Madrid, wo sie die Rolle der „Belle“ im Musical „Beauty and the Beast“ verkörpert. Nur nicht in der Erstbesetzung, denn den spanischen Hauptstädtern ist eine Südamerikanerin als „Schöne“ suspekt.

Als sie 2006 überlegt , nach Buenos Aires zurückzukehren, wird sie gefragt, ob sie mit einer deutsch-spanischen Band in Münster arbeiten wolle. Am Klavier sitzt Bene Aperdannier, und zu ihm fühlt sie sich sofort hingezogen. Er wird der Mann ihres Herzens und ihr engster musikalischer Partner. Aperdannier ist Jazzpianist, Arrangeur und Komponist. Zusammen nehmen sie in Berlin und Argentinien die „Huellas“-Songs auf, die sie diese Woche an fünf Abenden mit dem Gitarristen Jo Gehlmann, dem Bassisten Andreas Henze und dem Percussionisten Topo Gioia im A-Trane präsentieren.

Aperdannier hat Dahabs frühe Liebe zum Jazz wieder wachgerufen und reist mit ihr durch die Spielarten lateinamerikanischer Musik. „Auf dem ersten Album wollte ich Lieder aus vielen verschiedenen Ländern unterbringen, einen Bolero aus Kuba etwa, argentinische Zambas oder Bossa Nova aus Brasilien. Dann begannen wir zu touren und ich merkte, dass ich mehr riskieren und ein Album nur mit argentinischen Titeln aufnehmen kann“, sagt sie. Neben Stücken von Spinetta und Paez interpretiert Dahab auch „Yo soy Maria“ aus der Tango-Oper „Maria de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla. Mit der „Zamba de Usted“ erweist sie sowohl den Komponisten Felix Luna und Ariel Ramirez als auch deren berühmtester Interpretin Mercedes Sosa ihre Reverenz.

Die „Neue Folklore“ Argentiniens klingt mit einem Titel von Carlos Aguierre an. Drei Stücke schrieben Dahab und Aperdannier selbst – für die Sängerin ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entfaltung des eigenen Klangs. „Im Musical musste ich kopieren, jetzt kreiere ich meinen eigenen Stil. Wenn mich jemand im Radio an der Stimme erkennt, bin ich meinem Ziel als Sängerin schon viel näher gekommen“, sagt sie. Franzsika Buhre

A-Trane, Bleibtreustr. 1., 11.-15.6., 22 Uhr

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