Kultur : LINDEN-MUSEUM, STUTTGART

Das Kollektivgedächtnis der Menschheit.

Oliver Heilwagen

Zum 100-jährigen Bestehen packt das Linden-Museum die ganze Menschheit in eine einzige Ausstellung. Mit einem „Blick über den Tellerrand“ will es andere „Weltsichten“ lehren. Anhand von 400 Exponaten wird verglichen, wie völlig verschiedene Kulturen die conditio humana bewältigen. Soll man Artefakte als autonome Kunstwerke präsentieren oder in den Kontext einbetten, in dem sie entstanden? Im ewigen Streit der Ethnologen vermittelt die Jubiläumsschau (noch bis 8. 1.) beide Standpunkte. Sie unterlässt die übliche Unterteilung in Kulturkreise und hebt den ästhetischen Eigenwert der Werke hervor: Schönheit entsteht aus der Bindung an einen spezifischen Zweck.

Als grandioser Auftakt werden drei Dutzend spektakuläre Stücke der 160 000 Objekte umfassenden Kollektion, einem der größten Bestände in Europa, präsentiert. Darunter eine fünf Meter hohe Giebelmalerei aus Papua-Neuguinea; Geistwesen mit riesigen roten Augen wirken wie Südsee-Expressionismus. Das kontrastiert mit Filigranem, etwa einem osmanischen Kastanienblatt, dessen Kalligrafie aus der Biomasse herausgelöst wurde. Dabei werden ungeahnte Parallelen sichtbar: Eine Tanzmaske aus Kamerun trägt ebenso Segelohren wie ihr Gegenstück vom Amazonas.

Solche Analogien über alle Grenzen von Raum und Zeit hinweg finden sich zuhauf. Insignien der Macht werden stets verschwenderisch geschmückt. Kleidung von Würdenträgern kann gar nicht kostbar genug sein – golddurchwirkt, komplett bestickt oder aufwändig gemustert. Korrektive dieser Selbstdarstellung treten dagegen unscheinbarer auf. Schlichte Trinkgefäße stehen für afrikanische Geheimbünde, die den König kontrollierten und notfalls legal töten durften.

Schwunghafter Handel ist das Band, das alle Erdteile zusammenhält: Bereits im 19. Jahrhundert wurden angeblich authentische Zeugnisse ferner Völker als Souvenirs für Kolonisten angefertigt. Dass in der Globalisierung Exotik zur Folklore mutiert, verschweigt die Schau nicht. Doch führt sie vor, wie Traditionspflege den Reichtum bewahren hilft, der das Kollektivgedächtnis der Menschheit ausmacht. Dabei genügt der westliche Kunstbetrieb nur selten seinem Anspruch, Experimentierfeld und Inspirationsquelle für alternative Lebensweisen zu sein – hier wird es augenfällig vorgeführt.

Damit nimmt das Linden-Museum nach dem Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln als zweites Völkerkundehaus in Deutschland die gleichrangige Beachtung aller Kulturen ernst. Die Stuttgarter Jubiläumsschau taugt zum Vorbild für das geplante Humboldt-Forum in Berlin: für eine neue Sicht auf die Welt. Oliver Heilwagen

www.lindenmuseum.de

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