Lindenoper : Marmor trifft Plaste

Die Lindenoper vor der Sanierung: Kerstin Zillmer hat das alte Domizil des Staatsballetts ein letztes Mal fotografiert. "Hinter den Linden", so nannte Zillmer das Projekt. Weil für sie Türen geöffnet wurden, durch die Zuschauer sonst nicht gehen.

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Verkramtes Paradies. Intendant Vladimir Malakhov im Apollo-Saal.
Verkramtes Paradies. Intendant Vladimir Malakhov im Apollo-Saal.Foto: Kerstin Zillmer

„Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit“, schrieb die Theoretikerin Susan Sontag in ihrem berühmten Essay über Fotografie. Und die Praktikerin Kerstin Zillmer drückt ab. Sie rückt auf ihren Bildern den zerschlissenen Stuhl in den Vordergrund, auf den sich nie wieder jemand zum Schminken setzen wird. Sie zoomt vergilbte Gardinen und ramponierte Ballettstangen heran. Sie langzeitbelichtet jenen geheimnisvoll beleuchteten Gang zwischen Intendanz und Bühne, den es nach dem Umbau nicht mehr geben wird.

Die Staatsoper Unter den Linden wird saniert. Und wenn alles fertig ist, hat sich das Staatsballett längst an einem neuen Ort eingetanzt. Letzte Woche wurden die neuen Probenräume und Büros offiziell im Beisein des Regierenden Bürgermeisters, Klaus Wowereit, eingeweiht. Eine Ära geht zu Ende. 55 Jahre lang hat das Staatsballett Unter den Linden gearbeitet. An den Stangen standen Rudolf Nurejew, Maurice Bejart, Roland Petit und arbeiteten mit dem Ensemble.

„Die Tänzer liebten das Haus“, sagt Zillmer. Seit 2007 hat die Fotografin die Compagnie immer wieder besucht. „Hinter den Linden“, so nannte Zillmer das Projekt. Weil für sie Türen geöffnet wurden, durch die Zuschauer sonst nicht gehen. Das sei ja das Schöne an ihrem Beruf, sagt die Künstlerin, dass die Kamera zum Schlüssel wird. Und trotzdem war sie nervös bei ihrem ersten Besuch, ob des Anblicks, der sich ihr bot. Überall diese Schminkdöschen und Schläppchen und Haarnadeln und Tüllberge. „Ich traf auf ein fotografisches Mekka“, sagt sie. Eine magische Welt, die nach Puder und Kantinenessen roch, wie sich Kerstin Zillmer erinnert. Eine Mischung aus klassizistischer Strenge und DDR-Charme, aus Marmor und Plaste. „Verkramt“ nennt die Autorin Jutta Voigt diesen Ort in ihrem Essay zum Bildband, der aus dem Projekt entstanden ist. Außerdem zeigt die Galerie exp12 in Prenzlauer Berg eine Auswahl der Fotografien. „Verkramt“ leiht sich Kerstin Zillmer gern aus, sie freut sich, dass jemand ein treffendes Wort dafür gefunden hat, was sie durch die Kamera gesehen und festgehalten hat.

Kerstin Zillmer, geboren 1962 in Bielefeld und Meisterschülerin des großen Berliner Fotografen Arno Fischer, hatte mit Ballett nichts am Hut, bis sie eines Tages ihre damals fünfjährige Tochter zum Kreativen Tanzen in die Staatsoper brachte. Eine Stunde lang hatte sie Gelegenheit, sich dort umzuschauen. Danach wusste sie: „Hier will ich fotografieren.“

Zillmer sucht stets Lebenswelten, die ihr fremd sind. Sie hat Berliner und Hamburger Straßenkinder porträtiert. Sie ist mit ihrer Kamera in die Haftanstalt Hannover gegangen. Und tatsächlich gibt es Gemeinsamkeiten zwischen Gefängniszellen und Künstlergarderoben. Beide Orte sind neutral, bis der Benutzer Spuren hinterlässt. Eine Werkserie, die sie als Stipendiatin der Stadt Nantes in Frankreich realisierte, nannte die Fotografin „Autonomie der Dinge“. Der Titel würde auch auf die Arbeiten aus dem Staatsballett passen. Da steckt in einer Vase eine verwelkte Blume neben einer blühenden, an einer Allerweltsecke zwischen Umkleide und Dusche. Beide sind Platzhalter. Für Geschichten. Für Premierenabende, für jubelnde Zuschauer, die Sträuße auf die Bühne werfen, für die Höhepunkte in der Karriere einer Tänzerin. Oder ein Tutu, nachlässig auf dem Schrank abgelegt. Es schwebt in der Schräge, balanciert hoch oben auf der Kante. Als stemme der Prinz die Primaballerina in die Höhe, und sie fliegt für einen kurzen Moment. Zufällige Kombinationen von leblosen Dingen werden bei Zillmer zu menschelnden Szenen.

Vielleicht gelingt ihr das, weil sie sich tatsächlich lange mit den Menschen dort beschäftigt. Sie hat sich mit ihnen unterhalten, hat verstanden, dass Tänzer mit dem Thema Abschied immer schon konfrontiert waren, nicht erst wegen des etappenweisen Umzugs, der sich lange hinzog und die Proben erschwerte, sondern grundsätzlich. Wegen des frühen Endes einer Karriere, spätestens mit 40 Jahren ist Schluss. Immer wieder war die Fotografin im Probensaal dabei, beobachtete, „leise, zurückhaltend“, wie sie sagt. So, wie ihre Bilder sind. Fotografiert hat sie dort nicht. Es gibt kein einziges Bild von tanzenden Tänzern, keine fliegenden Beine, keine Pirouetten. Nichts. „Ich bin keine Ballettfotografin“, findet Zillmer.

„Mich interessieren die Tänzer als Persönlichkeiten“, sagt sie. Also porträtierte sie die Compagnie an Orten, an denen man sie als Zuschauer nicht antrifft, auf dem Weg zur Bühne, zum Büro des Intendanten, im Treppenhaus. Nicht in ihren Kostümen, die alle gleich machen, sondern in Probenklamotten, in Schichten von Trikots, Wollhosen, Stulpen, gekrempelt und gerollt. Für Zillmer war das neu, dieses Nachlässige, diese Zwiebelhäute. Es passt so gar nicht zu Schwanensee.

Angefangen hatte die Fotografin mit den Stillleben, erst später kamen die Porträts von den Solotänzern Iana Salenko und Marian Walter, von der Ballettmeisterin Barbara Schroeder, dem Korrepetitor Peter Hartwig und vielen anderen dazu. „Lange habe ich gewartet und überlegt, wo ich Malakhov porträtieren soll“, sagt sie. Vladimir Malakhov, Intendant des Staatsballetts. Am Ende hat die Fotografin ihn zwischen die herrschaftlichen Säulen des Apollo-Saals platziert. Dass der Mann gut aussehen würde, so wie er da steht, den Blick in den Marmorboden versenkt, war klar. Vielen galt er lange als einer der besten Tänzer der Welt, ein zweiter Nurejew. Aber es wäre kein Bild von Zillmer, wenn nicht doch ein kleiner Haken eingebaut wäre. Oben: ein zarter Hauch von T-Shirt mit floralem Muster. Extravagant. Unten: breite Sandalen. Extrabequem.

„Hinter den Linden – Das Berliner Staatsballett“, Edition Braus, 45 €. Ausstellung: Galerie exp12, Senefelder Str. 35, bis 1.5., Di-Fr 16-20 Uhr, Sa/So 14-20 Uhr

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