Kultur : Lindenoper: Mit Samthandschuhen

Isabel Herzfeld

Mit einem Lächeln betritt Christoph von Dohnányi das Podium. Bestes Einvernehmen trägt diesen Abend, bis in die letzten Stuhlreihen der voll besetzten Lindenoper zu spüren. Dem von seiner Israel-Tournee zurückgekehrten Orchester gilt sowieso neugierige Sympathie, und auch der Chef des Cleveland-Orchesters ist hier beliebt, spätestens seit er in schwieriger Wendezeit seine Gage für den "künstlerischen Aufbau des Hauses" spendete. Vielleicht wegen dieser allseits guten Laune befremdet Witold Lutoslawskis "Trauermusik" für Streichorchester ein wenig, entfaltet eher sprödes, in halbtönig versetzten Tritonus-Spannungen seufzendes Zwölfton-Material. Der Schmerz (um den Tod Béla Bartóks) gibt sich unsentimental. Vollblutmusik sind dagegen die "Folk Songs", die Luciano Berio 1964 für seine damalige Frau, die unvergleichliche Cathy Berberian, schrieb. Eigentlich "nur" Arrangements französischer, armenischer, sardischer Melodien, mit einer Schicht subtiler Moderne von erlesener Farbigkeit umgeben. Dem gibt Dagmar Pecková die ganze Wärme, den ganzen lebendigen Charme ihrer wundervollen Altstimme, scheut sich nicht vor kehliger Tiefe und herrlich ordinärem Quieken - es geht hier es um die Torheiten der Liebe.

Mit Samthandschuhen steuert Dohnányi das Orchester durch das fein gesponnene, solistisch brillante Klanggeschehen. Doch auch die 1. Sinfonie von Brahms, den mit dem früheren GMD der Hamburger Staatsoper die angebliche hanseatische Kühle verbindet, erklingt in seltener Transparenz. Darin wirken die zielbewusst angesteuerten Pauken- und Blechbläser-Exzesse in den Ecksätzen um so mehr. Doch vor allem im Intermezzo überbieten sich Klarinetten, Fagotte und selbst die Trompeten "un poco allegretto grazioso" an Zartheit und Leichtigkeit. "Ein bisschen ungarisch ist er ja doch geblieben" tönt es in den Schlussbeifall und meint damit vielleicht den Komponisten wie den Dirigenten.

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