Kultur : Linie und Rausch

Cathérine Diverrès eröffnet den Tanz-Winter im Hebbel-Theater

Sandra Luzina

Blick zurück – auf vergangene Aufbrüche, auf ästhetische Experimente und Revolten. Der diesjährige Tanz-Winter im Hebbel-Theater hat einen resümierenden und retrospektiven Charakter. So als wollte Nele Hertling, die langjährige Intendantin schon auf ihren Abschied einstimmen, lässt sie den in den letzten 25 Jahren im Tanz beschrittenen Weg nochmals Revue passieren. Ein Festival der großen Namen: Die sechs Gastspiele werden überwiegend von Choreografen bestritten, die die fünzig bereits überschritten haben, Künstlern also, die in den achtziger und neunziger Jahren mit wegweisenden Arbeiten hevorgetreten sind und sich weiterhin behaupten in der internationalen Tanzszene.

Zur Eröffnung zeigte Cathérine Diverrès mit „San" (Jenseits) eine eigenwillige Hommage an Oskar Schlemmer. Der Bauhauskünstler und Erfinder des „Triadischen Balletts" steht der Französin zeitlich und ästhetisch nicht unbedingt nahe. Doch ihr gelingt eine Annäherung aus der Distanz. Propagierte Schlemmer doch den „körpermechanischen, den mathematischen Tanz" und blieb auch am Bauhaus nicht unangefochten. Obwohl Diverrès in ihm einen mutigen Vorläufer sieht, dessen radikaler Ansatz erst Jahrzehnte später aufgegriffen und weiterformuliert wurde, hat sie eine Rekonstruktion von Bauhaus-Tänzen, wie sie zuerst Gerhard Bohner gewagt hat, nicht im Sinn.

Vom Triadischen Ballett hat sie die Zahl 3 übernommen. Die drei Männer in identischen dunklen Kostümen sind beides: Protagonisten eines Künstlerdramas und tanzende Kunstfiguren. Zunächst sieht man zwei Akteure, die sich immer wieder in den Clinch stürzen, deutlich ist, dass hier vor allem ein innerer Antagonismus ausgetragen wird. Von der „polaren Zweiheit" im Menschen, die es zu versöhnen gelte im abstrakten Kunstgebilde, hat Schlemmer selbst gesprochen. Aus dem Dualismus wird ein Dreieck der Kräfte. Das Trio formiert sich zu einem mechanischen Ballett, das in seiner Dynamik ganz heutig wird. Die räumlichen Spannungen werden transformiert in einen Tanz aus Kreisen und Spiralen. Rauschhafte Bewegung, bewegte Malerei. Geometrie und Ekstase: Diverrès verbindet beides. Zugleich formuliert sie auf bezwingende Weise eine Künstlerphilosophie, die in der Selbstverschwendung gipfelt.

Tanz-Winter, bis 19.2. im Hebbel-Theater, nächste Vorstellung: Carolyn Carlson am 5./6.2. „Writings on Water“. Informationen unter: www. hebbel-theater.de

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