Kultur : Linien frei im Raum

KATRIN BETTINA-MÜLLER

Seine frühen Bilder erinnern an Stilleben von Juan Gris, die späten Skulpturen geben bereits einen Vorgeschmack auf die zerknüllten Bleche von John Chamberlain.Doch weder wurde Herbert Behrens-Hangeler mit seinen kubistischen Formzerlegungen so berühmt wie der spanische Maler, noch hat er je die Charts des Kunstmarktes gestürmt wie der amerikanische Bildhauer.Wenige nur kannten seine Kunst.

Mit Gedichten, die dadaistischen Wortwitz mit expressivem Pathos verbanden, betrat er 1920 als kunstbegeisterter Student die Bühne der Kunst in Berlin.Seine weniger Jahre später entstandenen Zeichnungen schreiten feingliedrig und vibrierend von der Auflösung des Gegenständlichen zu einem farbigen Patchwork fort.Da wurde er als Künstler von den Nationalsozialisten verdrängt.Er tauchte in der Filmindustrie unter und entwickelte sich zum Farbfilmspezialisten.

In der Ausstellung, die das Brecht-Haus Weißensee zu seinem 100.Geburtstag zeigt, stammen seine schönsten Bilder aus den sechziger Jahren.Fließende Liniengespinste und aufgebrochene Flächen überschneiden sich in großen Schwüngen, als ob sich aus einem vielstimmigen Chaos langsam ein harmonisches Summen herausbilde.Doch auch all diese Werke von Behrens-Hangeler entstanden in großer Isolation.

Denn kaum war er 1949 an die Kunsthochschule des Nordens in Berlin-Weißensee berufen, traf ihn bald der Vorwurf des Formalismus und der der Gesellschaftsfeindlichkeit."Ich bin", bekannte er, "durch die Dekadenz erzogen worden", 1951 in einer Selbstbezichtigung.

"Da ich aber nicht sofort realistisch arbeiten kann, lehne ich es ab, an die Öffentlichkeit zu treten und optimistische Masken zu malen." Als Behrens-Hangeler 1981 starb, verglich Dieter Schmidt seine Situation mit der eines Mannes, der seit Kriegsende im Luftschutzbunker sitzt und die Entwarnung nicht gehört hat.Nur wenige der Studenten des Dozenten für Maltechnik waren mit seinen Arbeiten vetraut.

Am meisten verblüffen uns heute seine Skulpturen aus Aluminiumfolie, mit denen er 1967 begann.Aus einem einzigen Stück gefaltet und gebogen umschreiben sie mit Kurven, Knicken und Hohlräumen eine vielfältige Verflechtung von innen und außen.Sie fangen den Wind und die Trauer mit Linien ein, die endlich frei im Raum agieren können.

Brecht-Haus Weißensee, Berliner Allee 185, bis 30.August; Mittwoch bis Sonntag 14-18 Uhr.

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