Kultur : Linke Gewichte

Silvia Hallensleben

Zwei Jahre ist es her, da wurde Nino Kirtadses Un dragon dans les eaux pures du Caucase – The Pipeline Next Door beim Dokumentarfilm-Festival im schweizerischen Nyon mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Und auch der Prix Arte der Europäischen Filmakademie ging an die georgische Regisseurin. Ins Kino kam der Film bei uns nicht – schade, denn Kirtadses Ausflug in die kaukasische Bergwelt ist längst nicht so trocken, wie es der Titel nahelegt. Und das nicht nur, weil die heute zum Nationalpark erhobene Borjomi-Region schon zu Stalins Zeiten für ihre Mineralquellen berühmt war. Heute fließt hier ein anderes edles Tröpfchen, mit weitaus einträglicheren Mündungsgewässern. 2002 begann ein Konsortium unter Führung der BP mit dem Bau der BTC-Pipeline, die täglich eine Million Barrel kaspisches Erdöl 1760 Kilometer weit vom aserbaidschanischen Baku über Tiflis in den türkischen Mitelmeerhafen Ceyhan transportieren soll.

Umweltschutzorganisationen haben heftig gegen die Trasse durch die Naturlandschaft protestiert. Die Anwohner selbst sind gespalten. Schon vorweg wurden sie von Kampagnen der Betreiber traktiert, die die Zahl der entschädigungswürdigen Obstbäume in der Region wundersam erhöhten. Gegen solch Korruptionsangebot wächst eine Dorfschullehrerin zur kaukasischen Jeanne d’Arc. Kirtadses Dokumentation, die im Arsenal am Sonnabend im Rahmen des Fokus Georgien gezeigt wird, verdichtet die Konfrontation zwischen globalen Playern und kaukasischer Kauzigkeit zur Dorfgeschichte in bester osteuropäischer Erzähltradition.

„Horch, wie schön das Rohöl durch die Leitung gluckert“, dichteten chinesische Propagandaplakate in maoistischer Zeit. Nicht viel hat überdauert, die meisten K-Gruppen-Aktivisten sind längst als nützliche Mitglieder ins bundesdeutsche Presse- und Politwesen integriert. Eine lebendige Brücke zu Mao Tse-tungs Lebzeiten schlägt das Kieler Super-8-Filmkollektiv Filmgruppe Chaos , das sich seit 1975 dem engagierten Filmemachen jenseits von öffentlicher Filmförderung und Geschmacksgesetzen verschrieben hat und nun mit vier Programmen (Freitag und Sonnabend im Eiszeit) ein Forum in Berlin bekommt. Dass dabei neben eigenen Produktionen Filme aus den USA, Kanada und Großbritannien gezeigt werden, entlarvt die Mär vom Antiamerikanismus der radikalen Linken als arg vereinfachenden Mythos. Im Spätprogramm am Sonnabend gibt es eine Super-8-Neuverfilmung von Lautréamonts Gesängen des Maldoror , die zusammen mit dem Exploding Cinema aus London entstanden ist. Die deutsche Erzählerstimme wird von Feridun Zaimoglu gesprochen. Vertreter der Filmgruppe Chaos sind zu allen Vorstellungen anwesend.

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