Kultur : Links vor rechts

-

ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

einen freihändigen Formumwandler

Der Pianist Borah Bergman ist gerade 70 geworden. Anfangs wurde er häufig mit dem Free-Jazz-Pionier Cecil Taylor verglichen. Das tut man nicht mehr, seit der erste Eindruck, dass diese Musik frei von allen bis dato benutzten Strukturen sei, schwand und einer ganz neuen Hörwahrnehmung Platz machte. In Interviews bezog sich der in Brooklyn geborene Bergman gern auf Piano- Modernisten wie Lennie Tristano und Thelonious Monk. Da er nicht glaubte, je so gut spielen zu können wie der Bebop-Revolutionär Bud Powell, tastete sich Bergman, der als Kind Klarinette gelernt hatte, erst spät, als Zwanzigjähriger, und zunächst sehr zurückhaltend zum Klavier vor. Jahrelang trainierte der Rechtshänder seine Linke. Heute gilt Bergman als einer der großen Virtuosen und Techniker des Jazz-Pianos. Musikerkollegen behaupten sogar, dass seine Beherrschung der linken Hand, seine Geschwindigkeit und Kraft, in der Jazzgeschichte einmalig seien.

Zum ersten Mal machte Bergman eine eigene Platte allerdings erst Mitte der Siebziger – mit über 40 Jahren. Nach vier Solo-Alben, veröffentlichte er in den Neunzigerjahren mehrere Duo-Projekte, darunter „The Human Factor“ mit dem langjährigen Cecil- Taylor-Schlagzeuger Andrew Cyrille und „The Fire Tale“ mit dem britischen Saxofonisten Evan Parker, Mitglied des legendären und immer noch aktiven Schlippenbach Trios. Bergman ist ein politischer Musiker, der, dem Beispiel der New Yorker Jazz-Oktoberrevolution von 1964 folgend, nicht nur musikalisch nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten suchte, sondern besonders auch nach Formen der Musikerselbstorganisation.

Zu einem Highlight seiner Karriere zählt das unlängst in der Radical Jewish Culture Reihe auf John Zorns Tzadik Label veröffentlichte CD „Meditations for Piano“, hier entwickelt und übersetzt Bergman harmonische Strukturen, mit denen der Pianist Bill Evans einst experimentierte, in den Free- Form-Diskurs der Gegenwart. Die CD „Ride Into the Blue“, von Borah Bergman im Trio mit dem in Berlin lebenden Saxofonisten Thomas Borgmann und dem Kopf der Wuppertaler Free-Jazz-Szene, Peter Brötzmann, wurde 1996 aufgenommen und präzisiert die Vielfältigkeit, Spontaneität und kreative Zielstrebigkeit in Bergmans Werk. Er spielt im Waati mit Thomas Borgmann und dem Perkussionisten und Schlagzeuger Tony Buck am Freitag, am Samstag ist Bergman im Duo mit dem Schlagzeuger Willi Kellers zu hören, am folgenden Sonntag dann im Duo mit dem Posaunisten Conny Bauer (jeweils 21 Uhr). Am Montag folgt schleißlich ein Bergman-Zusatzkonzert im A-Trane (21 Uhr).

Der 1962 in Sydney geborene Tony Buck lebt und spielt zurzeit in Berlin, man kennt ihn aus dem Hardcore Bereich der japanischen Free-Play-Szene, aus Bands wie Peril und The Necks, aus dem Umfeld der europäischen New Music und dem New York des Saxofonisten John Zorn. Morgen gibt der Drummer im b-flat ein Solo-Konzert unter dem Titel „self contained underwater breathing apparatus“ (21 Uhr).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben