Linksruck : Materialermüdung des Kapitalismus

Ist der Linksruck in Deutschland eine Erfindung der Medien – oder steckt mehr dahinter?

Thomas Brussig

Alle reden über den Linksruck. Haben wir was verpasst? Wird in bayerischen Schulen der Unterricht neuerdings mit dem Absingen der „Internationale“ begonnen?

Der Linksruck wurde ausgerufen, nachdem zum einen die Westausdehnung der Linkspartei als geglückt galt. Zum anderen, weil die hessische SPD-Kandidatin Andrea Ypsilanti mit linken Positionen gegen einen Ministerpräsidenten, der einen rechtspopulistischen Wahlkampf führte, einen gefühlten Wahlsieg einfuhr. Doch was macht Frau Ypsilanti? Anstatt sich mit Klaus Wowereit mal darüber auszutauschen, wie es sich mit der Linkspartei so regiert, grenzt sie sich scharf von ihr ab und sucht die Nähe zur FDP. Als ob sich nun ausgerechnet mit der Partei Ypsilantis Ziele wie Mindestlohn, Verhinderung des Flughafenausbaus und ein Wechsel in der Energiepolitik durchsetzen ließen. Für heute klemmt der Linksruck.

Doch wenn es links von Schwarz-Gelb parlamentarische Mehrheiten gibt, werden die irgendwann regieren müssen. Dazu müsste die Linkspartei auch im Westen ein Personal aufbieten, das tagespolitikfähig ist, denn solange theorieverliebte Revoluzzer den Ton angeben, ist die Linkspartei tatsächlich nicht regierungsfähig. Als Schreckgespenst wird die Linkspartei bald ausgedient haben. (Im Osten und in Berlin hat sie es schon längst.) Die Linkspartei bringt bereits jetzt mehr Wähler zusammen, als die SPD an Wählern durch die Ankündigung, mit der Linkspartei zu koalieren, verlieren würde.

Kurt Beck scheint sich seine Kandidatur von niemandem ausreden lassen zu wollen, und er glaubt, die Linkspartei wie bisher die PDS dadurch klein halten zu können, indem auch er sie im wahrsten Sinne des Wortes links liegenlässt. Wenn es dabei bleibt, wird nach der nächsten Bundestagswahl für die SPD auch nicht mehr als eine Große Koalition unter christdemokratischer Führung rumkommen. Aber wenn Klaus Wowereit auch seine nächste Wahl gewinnt, wird er als Kanzlerkandidat interessant: Als einer, der wie die große Sehnsuchtsfigur Willy Brandt mal Regierender Bürgermeister war, als Medienliebling, der auch Wahlen für die SPD gewinnen kann, und vor allem als einer, der mit der Linkspartei umzugehen weiß. Gewiss, die Personalie Wowereit gilt bundesweit vielleicht als schwer vermittelbar, aber niemand würde von ihm Stimmengewinne in, sagen wir mal, Fulda erwarten – er müsste lediglich die ohnehin vorhandene Mehrheit links von Schwarz-Gelb (so es sie 2013 überhaupt noch gibt) regierungsfähig machen.

Viel interessanter ist jedoch, was sich abspielt, wenn man das Wort vom Linksruck nicht auf die Tagespolitik anwendet. Linksruck kann nämlich auch bedeuten: Skepsis, Zweifel am Kapitalismus. Das große Versprechen des Kapitalismus war (und ist) die Freiheit: Wer bereit ist, sich in den großen Verwertungsprozess einzubringen, mit all seinen Talenten, Kräften, seinem Wissen, Können und – zugegeben – seiner Herkunft, erringt die Freiheit, den eigenen Lebensentwurf zu verwirklichen. Mal besser, mal schlechter, aber frei von existentiellen Nöten. Dieses Versprechen hat zunehmend weniger Geltung: Die über zweitausend Bochumer Nokia-Beschäftigten waren qualifiziert, motiviert und erwirtschafteten schwarze Zahlen – und stehen trotzdem auf der Straße. Und dort sind sie nicht allein; die Erfahrung des Nicht-gebraucht-Werdens und des Überflüssigseins machen viele. Mittlerweile hat sich rumgesprochen, dass nicht nur die Rente nicht sicher ist, sondern auch das, wo man in fünf Jahren steht. Das ist schlicht unmenschlich, denn jeder Mensch will wissen (und hat ein Recht darauf, es zu wissen) in welchen Bahnen sich sein Leben ungefähr bewegen wird. Gewiss, Freiheit ist Unsicherheit. Aber ab einer gewissen Unsicherheit verschleißt sich alle Freiheit daran, eine existentielle Sicherheit herzustellen. Die Wahl, ob Dschungel oder Zoo stellt sich neu, wenn du im Dschungel nie zur Ruhe kommst, nie satt wirst und dich nie sicher fühlst.

Es gibt bekanntlich nur eins, was schlimmer ist, als ausgebeutet zu werden: Nicht ausgebeutet zu werden. Die Wahrheit dieses makabren Bonmots erfahren viele am eigenen Leibe. Die „Generation Praktikum“ ist bestens ausgebildet und motiviert, und hangelt sich von einem unbezahlten Job zum nächsten. Facharbeiter mit jahrzehntelanger Berufserfahrung müssen sich tagsüber von den Wichtigtuern in der Agentur für Arbeit rumschubsen lassen. Und alle hören sie abends in den Nachrichten, warum das so sein muss. Klar, dass sich da manche Faust in den Taschen ballt.

1989 war der Sieg des Versprechens der Freiheit über das Versprechen der Gleichheit. Wenn das Versprechen gebrochen wird, wird der Sieg annulliert, zum Beispiel indem im Osten erklärt wird, „es war nicht alles schlecht“ (was eigentlich meint, dass es doch ganz gut war). Und auch wer sich im Westen die Mauer wiederwünscht, verflucht implizit jenen Sieg. Ob nun aber gleich der Sozialismus wiederauflebt, sei dahingestellt. Dass der Realsozialismus ein für allemal abgewirtschaftet hat und sich nicht wieder erheben wird, ist klar. Auch der Ruf nach einem Führer wurde in Deutschland noch nicht vernommen, und bis auf Weiteres dürfte er auch nicht salonfähig werden. Das ist schon mal was. Das Motto von Attac lautet: Eine andere Welt ist möglich. Das ist zur Stunde vielleicht noch das Beste: Sich zur Unzufriedenheit mit der heutigen Welt zu bekennen und erst mal die Phantasie aufzurufen, anstatt die alten Rezepte hervorzukramen. „Die alten (Land-)Karten, die stimm’ sowieso nicht, und neue sind noch nicht raus“, sang Lutz Kerschowski.

Bis die neuen Karten raus sind, entkoppelt sich hier und da das Leben schon ganz von selbst vom Kapitalismus. Wie das aussieht, zeigt eindrucksvoll der Dokumentarfilm „Workingman’s Death – 5 Bilder zur Arbeit im 21. Jahrhundert“ des Österreichers Michael Glawogger. Dort klauben anstellungslose ukrainische Bergarbeiter mit bloßen Hände die Kohle aus der Erde, die sie zum Heizen ihrer Häuser brauchen. Die Ausbeute eines Tages, ein Sack Kohle, wird auf dem Fahrrad nach Hause geschoben.

Aber auch im ländlichen Raum in Ostdeutschland vollzieht sich ein Lebenswandel, der direkt in das 19. Jahrhundert zurückführt: etwa das Wiederaufleben der Daseinsform des Tagelöhners. Und was ist es anderes als das Ende der Arbeitsteilung, wenn vier Arbeitslose zwei Wochen lang Tag für Tag in den Winterwald fahren, mit einer billigen Genehmigung des Förster, Holz zu schlagen. Mit dem heizen sie ihre Häuser. Was übrig bleibt, kriegt der Bauer, dem Trecker und Hänger gehört, oder es wird verkauft, für einen Bruchteil dessen, was in den Großstädten für Kaminholz bezahlt wird. Man trifft sich auch beim Schlachten, beim Malern und beim Schrott sammeln. Der Ausstieg aus dem Kapitalismus ist schon in vollem Gange – und er wird nicht von Enthusiasten betrieben, sondern von den Liegengelassenen, die kein Geld haben, um am großen Rad zu drehen, aber die immerhin von ihrer Hände Arbeit (auch so ein Ideal des 19. Jahrhunderts) und minimaler Stütze leben.

Vermutlich bekamen in den letzten Monaten ein paar Menschen mehr eine Ahnung, dass der Kapitalismus nicht alles kann. Wer diese Ahnung schon hatte, bekam vielleicht ein sicheres Gefühl. Und wer bislang ein sicheres Gefühl hatte, für den wurde es zur Überzeugung. Vielleicht ist es das, was mit dem Linksruck gemeint ist.

Der Autor („Helden wie wir“, „Wie es leuchtet“) lebt in Berlin und Mecklenburg. Zuletzt erschien von ihm „Schiedsrichter fertig“ im Residenz Verlag.

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